Schwelmer lebt seinen Traum am Nürburgring

Schwelm/Nürburgring..  Das Starterfeld beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring ist bunt gemischt. Nicht nur 600 Fahrer aus 35 Ländern und fünf Kontinenten stellen sich der Herausforderung auf der wohl faszinierendsten Rennstrecke der Welt. Auch aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis erliegen Motorsportenthusiasten vor und hinter dem Steuer dieser Faszination auf der Nordschleife.

Ulrich Schüngel steht in seinem Rennanzug auf der Rennstrecke am Ring. Er wirkt vor dem Start sehr nervös, die sogenannten Grid-Girls an den Rennwagen, die Glück bringen sollen, nimmt er nicht wahr. Mit seinem Team plante er über Monate die Teilnahme am Rennen. Die Vorbereitungen in den letzten Tagen liefen gut, fast perfekt, das Auto ist fahrbereit und erzielt gute Rundenzeiten. Dann aber ein Problem am 200 PS starken Motor. Eigentlich wurde der noch vor zwei Wochen einmal generalüberholt. Gleich zwei lange Nachtschichten musste das Team vor dem Start einlegen, um den Motor wieder startklar zu bekommen. Das Resultat: Die Simmerringe schienen ebenfalls nervös vor dem Start zur Langstreckendistanz in der Eifel zu sein, ließen durch Undichtigkeiten ein wenig Motorenöl austreten. „Die Arbeit hat sich aber gelohnt, dadurch konnten wir das Risiko minimieren, durch einen technischen Defekt auszufallen“, sagt der Autoexperte.

Sprockhöveler sorgt für Sicherheit

Mitten in der Startaufstellung steht Markus Nitz-Overmann. Die Startaufstellung ist so etwas wie das Public-Viewing für Motorsportfans. Die Zuschauer haben dann die einmalige Möglichkeit, auf die Rennstrecke zu laufen und sich vor dem Start noch Autogramme von den insgesamt 151 Teams zu holen. Es bietet aber auch die Chance, alle Rennboliden aus nächster Nähe zu betrachten. Nitz-Overmann ist aber kein gewöhnlicher Autogrammjäger. Der 52-jährige Familienvater gehört an diesem Wochenende zur „schnellen Eingreiftruppe.“ Auch er trägt einen Rennanzug, hat seinen Fahrerhelm in der Hand. Sein Auftrag an diesem Wochenende sind aber weder schnelle Runden noch Top-Platzierungen. Er hat die Pole-Position für die medizinische Sicherheit am Nürburgring. Eigentlich war der Sprockhöveler selbst mal Rennfahrer, 2002 hat er dann „die Seiten gewechselt.“ Jetzt sitzt er im Medical Car, einem seriennahen Audi Q3. Seine Beifahrer nun: Notarzt und Rettungsassistent, die er nach einem Unfall möglichst schnell und sicher zur Unfallstelle bringen muss.

Statt Rennstrecke erst mal Zwangspause in Boxengasse

Der Opel Astra GSI mit der Startnummer 147 kommt gut durch die Startphase. Aber schon nach zwei Runden stellt Fahrer Jörg Morth fest: Hier stimmt wieder etwas nicht. Das Team um den Schwelmer Kfz-Meister entscheidet: Der Wagen muss in die Box. Die neue Teamorder heißt nun: Statt ordentliche Rundenzeiten auf der Nordschleife erst einmal lange Fehlersuche und Reparaturzeit. Nach einer Stunde hallt dann aber ein Jubeln durch die Boxengasse. Der Fehlerteufel lag offenbar im Detail, denn ein Steuergerät war kaputt und gab dem Motor dadurch völlig falsche Signale. „Eigentlich geht dieses Gerät nicht kaputt“, sagt Schüngel. Ein herber Rückschlag, aber Reparaturzeiten gehören zu einem der unberechenbaren Faktoren bei diesem Rennen.

Ecclestone aus Ennepetal

Auf dem Tisch von Hans-Jürgen Hilgeland liegt ein Schlüsselbund. In aller Ruhe fernab der Hektik der Teams aus der Boxengasse beobachtet er das Renngeschehen bei einer Tasse Kaffee. Hilgeland ist dem Motorsport schon seit Jahrzehnten verbunden, war 35 Jahre Vorsitzender des ADAC Ortsclub AC Altkreis Schwelm in Ennepetal. Mittlerweile lässt er es im gediegenen Rentenalter ein wenig gemütlicher angehen. Seine Expertise ist aber gefragter denn je: Der 76-jährige Ennepetaler kennt am Nürburgring jedes Detail, berät die Organisatoren in der Eifel in Fragen der Streckensicherung. Seine Erfahrungen haben aber auch auf internationaler Ebene Spuren hinterlassen. Nicht nur am Ring ist er bekannt wie ein „bunter Hund“. Im Ausland baute er Rennstrecken auf, alleine drei Jahre davon plante er an der Rennstrecke in Shanghai, begleitete zudem die Formel 1 auf deutschem Boden. „Jetzt sause ich durch die Welt, bin seit der Rente selten zuhause und viel unterwegs“, sagt Hilgeland und schwelgt in Erinnerungen: Früher starteten noch Rennwagen am Marktplatz in Ennepetal-Milspe. Aufgrund der starken Regulierungen für mehr Sicherheit gehen Langstreckenrennen nur noch auf zertifizierten Rennstrecken. Die Nordschleife gehört zur schwersten Rennstrecke der Welt. Uneinsehbare Kurven und Kuppen, wechselnden Fahrbahnbeläge und das berüchtigte Eifelwetter machen die Nordschleife zu einem Mythos. „So eine Rennstrecke gibt es nicht noch einmal auf der Welt“, weiß der Ennepetaler.

Oberstes Ziel ist sicher ankommen

Auf der Rennstrecke rasen die Rennwagen auf der Start-Ziel-Geraden vorbei. Mit Tabellenplatz 103 taucht der Opel Astra auf den Anzeigetafeln in der Box auf. Sogar eine eigene Fankurve hat Ulrich Schüngel auf der Strecke gesichtet. Im Bereich Metzgesfeld feiern die Fans bereits die Leistung des Schwelmers. Doch plötzlich wird das Auto deutlich langsamer: „Kupplungsprobleme“ tönt es über den Sprechfunk. Wieder ein herber Rückschlag für das Team. „Wenn wir jetzt cool bleiben, dann wird das in den Griff zu kriegen sein. Jetzt versuchen wir das Auto ins Ziel zu bringen“, sagt der Schwelmer angespannt.

Dann um 16 Uhr weht auch die Zielflagge für den Opel Astra und hat damit den Traum vom 24-Stunden-Rennen möglich gemacht. Tränen in den Augen von einem glücklichen Ulrich Schüngel: „Ein ganz emotionaler Augenblick, wir haben so lange für diesen Moment gearbeitet.“ Eine Leistung, die am Ende mit einem respektablen 96. Gesamtplatz gewürdigt wird.

Nächstes Motorsportevent heute

Der Ennepetaler Motorsportverein AC Altkreis Schwelm im ADAC organisiert heute den dritten Lauf zur Langstreckenmeisterschaft (VLN) am Nürburgring. Ulrike Kliem aus Ennepetal ist federführend für die Nenndokumente der etwa 350 Fahrer zuständig, Ehemann Friedrich Wilhelm Kliem kennt die Rennstrecke fast wie seine Westentasche. 50 Mitglieder aus dem EN-Kreis unterstützen während der Veranstaltung die Rennorganisation.

Seriengründung in Ennepetal

Die Tradition der Langstreckenserie am Nürburgring hat seine Wurzeln in Ennepetal. Nach Vorgesprächen der Initiatoren in Köln trafen sich insgesamt elf Vereine im Gasthof zur Post, in dem dann auch die Verträge unterschrieben wurden. Ziel des Vorhabens: Ein Zusammenschluss zu einer Rennserie statt Einzelrennen durchzuführen. Damals lief die Serie noch unter dem Namen Langstreckenpokal, heute heißt sie allerdings VLN Langstreckenmeisterschaft. Bis heute ist die Meisterschaft bei vielen Fahrern ein fester Bestandteil im Rennkalender.

Bilstein an Rennstrecken dieser Welt

ThyssenKrupp Bilstein aus Ennepetal war nicht nur am Wochenende beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring dabei. Das Unternehmen testet auch auf dieser Rennstrecke unterschiedliche Fahrwerke in der Eifel für Serienautos: Mit seinen Kuppen, wechselnden Fahrbahnbelägen und vor allem dem unberechenbaren Eifelwetter ist der Nürburgring ideal als Teststrecke. Aktuell rüstet das Unternehmen Rennsportteams wie Aston Martin oder Subaru mit Fahrwerken aus der Klutertstadt aus. Neustes System ist übrigens ein Modulares Dämpfer-System, das bis zu einhundert unterschiedliche Einstellungen je nach Gegebenheit zulässt. Motorsportleiter Martin Flick von Bilstein fuhr im Juni dazu mit seinen Mitarbeiter zum 24h Rennen ins französische LeMans, um die Teams vor Ort mit Expertise aus dem EN-Kreis zu betreuen.