Politik diskutiert an den Problemen der Kinder und Eltern vorbei

Sandra Perner, Vorsitzende des Elternbeirats der Kindertagesstätten in Gevelsberg
Sandra Perner, Vorsitzende des Elternbeirats der Kindertagesstätten in Gevelsberg
Foto: WP

Gevelsberg..  „Was in der Politik diskutiert wird, ist nicht immer das, was den Eltern wirklich auf den Nägeln brennt“, sagt Sandra Perner. Die 39-Jährige ist die erste Vorsitzende des Elternbeirats aller Kindertagesstätten in Gevelsberg und vertritt damit sozusagen die Familien mit jungen Kindern im Jugendhilfeausschuss der Stadt.

Sandra Perner saß im Ratssaal, als besonders von den Freien Wählern die Staffelung nach Einkommen bei Elternbeiträgen zum Thema gemacht wurde. „Darum geht es in erster Linie gar nicht“, sagt die Mutter, deren Kind zur Evangelischen Kindertagesstätte auf dem Börkey geht. „Es geht um die Frage, ob wir Eltern wirklich eine Wahl haben, unsere Kinder 25, 35 oder 45 Stunden in die Einrichtung zu schicken, wie es das Gesetz vorsieht“, sagt Sandra Perner. In dieser Frage ständen sich Erzieherinnen und Eltern in Gevelsberg oft wie Gegner gegenüber: „Und das darf nicht sein.“

Dabei möchte sie keiner Seite den Schwarzen Peter zuschieben: „Aber, das Gesetz ist die Ursache allen Übels.“ Dabei sollten Gesetze doch für den Menschen gemacht werden. Perner versteht, warum die Träger der Einrichtung darauf drängen, dass möglichst viele Mädchen und Jungen die maximale Zeit in der Kindertagesstätte bleiben: „Das bringt ihnen natürlich den höchsten Beitrag und auf den sind sie angewiesen, um die Arbeit in der Kita finanzieren zu können.“ Kinder, die zum Beispiel nur 25 Stunden in der Einrichtung bleiben, blockierten Plätze. Solche Angebote, glaubt Perner, gebe es nicht nur in Gevelsberg nur rein theoretisch.

Höhere Beiträge

Zwischen den Elternbeiträgen für die unterschiedlichen Zeiträume der Betreuung klaffen aber teilweise Welten. Nehmen wir einmal die Einkommensgruppe 25 000 bis 37 001 Euro und die Betreuung eines Kindes unter drei Jahren: Bei 25 Stunden wären das 79 Euro, bei 35 Stunden 87 Euro und bei 45 Stunden 141 Euro. „Ich weiß nicht, was die Stadt im Gegenzug zu den Elternbeiträgen noch finanzieren muss“, sagt Perner. Es sei kein Wunder, wenn die Ausgaben für Jugendhilfe explodieren und Lücken in den Haushalt gerissen werden, die Kassen leer sind und die Kosten trotzdem weiter ansteigen. Und selbst wenn es ein Angebot gebe, dann werde der Zeitraum der Betreuung vorgeschrieben: „Eltern, die einen anderen Zeitkorridor benötigen, müssen dann eine höhere Stundenzahl buchen.“

Das Problem der Kosten für die Jugendhilfe in einem anderen Bereich hatte auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Gerd Vollmerhaus in seiner Haushaltsrede zum Thema gemacht. Der Politiker fragte, ob „mit der intensiven pädagogischen Betreuung Not leidender junger Menschen bei abgerechneten Betreuungsleistungen von mehreren tausend Euro je Fall und Monat auch harte wirtschaftliche Interessen der caritativen oder Wohlfahrtsindustrie verfolgt werden?“

So weit geht Sandra Perner bei den Kindertagesstätten nicht. Sie bescheinigt den Trägern die gute Absicht. Die Belastung von zwei Erzieherinnen, die sich die Betreuung von 25 bis 27 Mädchen und Jungen teilen müssten, sei eigentlich unzumutbar: „Mir ist klar, dass im Bereich der Kindertagesstätten viel zu wenig Gehalt bezahlt wird.“

Großeltern einbeziehen

Perner fordert allerdings, auch einmal über den Tellerrand hinaus zu schauen: „Alle Beteiligten müssten sich zusammen setzen und nach unkonventionellen Lösungen suchen. Ich bin sicher, wir werden etwas finden.“ Die Elternvertreterin ist sicher, dass es sie gibt. Um die Betreuung zu verbessern, könnte zum Beispiel überlegt werden, manche Großeltern mit einzubeziehen. Der berühmte deutsche Michel müsse überwunden werden. Und dazu gehöre auch, „dass wir uns als Familien in der Politik wiederfinden.“