Plötzlich steht die Feuerwehr vor der Tür

Zwei- bis dreimal pro Tag rückt die Feuerwehr zu Türöffnungen in Gevelsberg aus. Reagiert niemand, verschaffen sich die Feuerwehrleute Zugang zur Wohnung – über die Tür oder durch ein Fenster.
Zwei- bis dreimal pro Tag rückt die Feuerwehr zu Türöffnungen in Gevelsberg aus. Reagiert niemand, verschaffen sich die Feuerwehrleute Zugang zur Wohnung – über die Tür oder durch ein Fenster.
Foto: WR

Gevelsberg..  Den ganzen Tag hat Conny Backs schon versucht, ihre 89-jährige Mutter zu erreichen – vergeblich. Conny Backs wohnt mehr als 80 Kilometer entfernt von ihrer Mutter Hannelore Ellinghaus in Willich. Die Rentnerin lebt allein in der Straße Im Himmel in Gevelsberg. Ist der Seniorin etwas passiert? Feuerwehr, Rettungsdienst, Notarzt und Polizei rücken aus. Einsätze, die immer mehr zunehmen.

Conny Backs erinnert sich: „Ich habe es gegen 21 Uhr vor Sorgen nicht mehr ausgehalten, bei einer Nachbarin angerufen, sie gebeten, nach meiner Mutter zu schauen.“ Die ging rüber, rief zurück. Hannelore Ellinghaus habe erneut nicht reagiert. Conny Backs ist so verzweifelt, dass sie nach Gevelsberg fahren will, wählt aber zunächst die 112 und landet bei der Leitstelle des Ennepe-Ruhr-Kreises.

89-Jährige schimpft mit Tochter

Die gibt die Meldung „Mensch hinter verschlossener Tür“ raus. Fünf Mann der Gevelsberger Hauptwache rücken aus, ebenso der Rettungsdienst, der Notarzt und die Polizei. Mit Martinshorn und Blaulicht rasen die Einsatzkräfte in den Himmel. „In solchen Momenten schießt einem alles durch den Kopf“, sagt eine Feuerwehrmann, der dabei war. Auch Leichen haben die Einsatzkräfte schon gefunden.

In diesem Fall löst sich zum Glück alles in Wohlgefallen auf. Denn: Als die Feuerwehr klopft und klingelt, macht ihnen die 89-Jährige plötzlich die Tür auf und fällt aus allen Wolken. Sie war tagsüber unterwegs, saß nun vor dem Fernseher als plötzlich ihretwegen mehrere Einsatzwagen die Nachbarschaft in Blaulicht tauchen und elf Leute vor ihrer Tür stehen, um sie zu retten.

Umgehend ruft sie ihre Tochter an, sagt, dass ihr gut gehe, schimpft aber auch, dass „so ein Aufstand gar nicht notwendig“ sei, fragt ob sie nicht mehr vor die Tür gehen dürfe, ohne sich abzumelden. Die Feuerwehr sieht das anders: „Lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen“, lautet das Credo.

Gleichwohl – das zeigen die nackten Zahlen – haben die Türöffnungen durch die Wehr während der vergangenen Monate zugenommen. „Wir fahren zwei- bis dreimal pro Tag raus, weil sich Angehörige oder Nachbarn Sorgen machen“, heißt es aus der Gevelsberger Wache. Immer öfter stünden sie in leeren Wohnungen. Die Bewohner seien unbemerkt verreist, hätten Termine wahrgenommen. Reagiert niemand, verschaffen sich die Feuerwehrleute Zugang zur Wohnung – entweder über die Tür oder durch ein Fenster. „Normalerweise geht dabei der Schließzylinder zu Bruch. Für diese Kosten kommt die Allgemeinheit auf. Manchmal bringen uns Bürger aber auch neue Zylinder zur Wache“, sagt ein Gevelsberger Feuerwehrmann.

Höchstes Lob für die Feuerwehr

Der Schaden und das Betreten der Wohnung sorgten in manchen Fällen durchaus für Verärgerung der Bewohner. Doch es laute ganz klar die Maxime: Bevor tatsächlich etwas Ernstes passiert und jede Hilfe zu spät kommt, lieber einmal mehr die 112 wählen. Die alternde Gesellschaft und zunehmende Einzelhaushalte sorgen mit dafür, dass die Wehr vermehrt zu derartigen Einsätzen ausrückt. Wie zum Beispiel zu einem Rollstuhlfahrer, dessen Betreuer sich nicht in angemessenem Maße um ihn kümmert.

„Zwei- bis dreimal pro Woche rutscht er aus dem Rollstuhl, kann sich aus seiner misslichen Lage nicht mehr allein befreien und ruft dann um Hilfe. Wir werden alarmiert. Hier kommen wir mittlerweile auch in die Wohnung ohne etwas zu beschädigen“, heißt es von der Wehr. Auch darüber herrscht kein Groll bei den Einsatzkräften. Denn sie wollen rechtzeitig vor Ort sein, sollte es tatsächlich einmal etwas Ernsteres sein. Das freut vor allem Conny Backs, die schon fast im Auto saß, um nach Gevelsberg zu fahren, als sie der erlösende Anruf ihrer Mutter ereilte. Sie lobt die Feuerwehr Gevelsberg in höchsten Tönen: „Das sind unglaublich tolle Jungs. Auf die kann man sich voll und ganz verlassen. Jetzt kann ich etwas beruhigter schlafen.“