Pädagogen im Dienst der Gesellschaft

Doris Kübler und Jürgen Sprave vor dem Plakat zum Tagungs-Thema „Aufklärung und Verständigung“ (2002). Fritz Helling hält darauf die Comenius-Medaille in Händen, die er 1965 in Prag verliehen bekam.
Doris Kübler und Jürgen Sprave vor dem Plakat zum Tagungs-Thema „Aufklärung und Verständigung“ (2002). Fritz Helling hält darauf die Comenius-Medaille in Händen, die er 1965 in Prag verliehen bekam.
Foto: Veronika Pantel

Schwelm..  In der beliebten Lesereihe „Altes neu entdeckt“ ging es im Haus Martfeld diesmal um berühmte Söhne der Stadt. Einigen hat man bereits Straßennamen gewidmet, so etwa dem Pastor Johann Heinrich Christian Nonne, Bernhard Heinrich Steinweg, Peter Heinrich Holthaus, Friedrich Christoph Müller oder Wilhelm Tobien. Hier reiht sich ebenfalls Johann Heinrich Castorff ein, über den Doris Kübler anschaulich berichtete.

Er war von 1768 bis 1803 der 15. Schulleiter der bereits 1597 gegründeten Lateinschule in Schwelm, dem heutigen Märkischen Gymnasium. Auch anhand von Originalbriefen – gelesen von Heide Marie Kube – verfolgte die Referentin in ihrem Vortrag den Lebensweg, sprach über Inhalte und Aufbau des Unterrichts, verwies auf seine aktive Korrespondenz mit Missionsanstalten in Ostindien, denen er regelmäßig Spenden zukommen ließ. Der studierte Theologe unterrichtete selbst 30 Wochenstunden Griechisch und ließ die Schüler Verse singen, Gebete sprechen, das Neue Testament lesen, die Inhalte nacherzählen und erweiterte die Texte mit eigenen Betrachtungen. Das Repetieren von Sprüchen und das Protokollieren der Stunden rundeten den Unterricht ab.

Er verdiente 122 Reichstaler und 15 Stüber und verfügte in seinem Testament, dass die Witwen von Schulleitern der Lateinschule oder deren hinterlassene Kinder von Zinsen seines Vermögens profitieren sollten. Da dies über lange Zeit nicht in Anspruch genommen wurde, stieg das Kapital bis 1918 auf 64 000 Mark an. Und 1956 berichtete die Schwelmer Zeitung, dass das auf 141,75 DM wegen der Währungsreform geschrumpfte Stiftungsvermögen der Bibliothek des Gymnasiums vermacht und die Stiftung aufgehoben wurde.

Jürgen Sprave, Schulleiter am Gymnasium von 1993-2008, stellte seine Forschungen zur endgültigen, lückenlosen Rehabilitierung und würdigenden Anerkennung des 32. Schulleiters, Fritz Helling (1888-1973) vor. Dass ihm dies Herzensangelegenheit ist, spürte man im engagierten und sachkundigen Vortrag.

Entschiedener Schulreformer

Der Reformpädagoge mit politischem Engagement leitete die Schule von 1945 bis 1951, war aber dort zuvor bereits als Referendar und Lehrer tätig. In der eigenen Schulzeit am Barmer Gymnasium hatte er die tiefe Kluft zwischen Schülern und Lehrern am eigenen Leib erfahren und trat als entschiedener Schulreformer für die Pädagogik vom Kinde aus und eine Erziehung zur gesellschaftlichen Teilhabe ein. Wegen seiner sozialistischen Grundhaltung war er nicht nur im Dritten Reich verhaftet worden, sondern stand auch in der Adenauer-Ära unter Beobachtung. 1951 bat er um Entlassung aus dem Schuldienst und widmete sich danach über 20 Jahre lang dem politischen und schulpolitischen Leben, auch im Hinblick auf die Wiedervereinigung. Wegen der Gründung des „Schwelmer Kreises“ (1952) stand Helling auch im Fokus des Verfassungsschutzes, war dem Kommunismus-Verdacht ausgesetzt. Es ging ihm jedoch darum, die Spannung zwischen Ost und West in ein friedliches Miteinander zu verwandeln.

Eine Komplizenschaft mit dem DDR-Regime lehnte er ab. „Pädagogik darf nicht zum Werkzeug der Politik werden“, war sein Wahlspruch. Hellings pädagogische Arbeit war wegweisend: Er verwirklichte die Öffnung der Schule nach außen in die Arbeits- und Berufswelt, baute eine Schüler-Eltern-Mitwirkung aus, führte den Werkunterricht in der Mittelstufe ein. Im „Schwelmer Modell“ begründete er die Elastizierung der Oberstufe durch innere Differenzierung, schuf Kern- und Wahlpflichtunterricht mit Maximal- und Minimalkursen. Für die heutige differenzierte Oberstufe, für die Gesamtschule und eine Erziehung mit Kopf und Hand war Helling Wegbereiter. Dennoch tat sich die Stadt schwer mit der Anerkennung des politischen Pädagogen: 1985 lehnte der Rat der Stadt die Benennung einer Schule nach dem Reformpädagogen ab. Eine Straße mit seinem Namen sucht man bis heute vergebens.

Infotafel wird 2016 installiert

Sprave verwies darauf, dass 2016 eine Infotafel zu Fritz Helling im Gymnasium installiert und eingeweiht wird.

Anne Peter vom Verein für Heimatkunde stellte für Anfang des Jahres die Veröffentlichung der Ausführungen von Jürgen Sprave in der Reihe „Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Schwelm und ihrer Umgebung“ in Aussicht.