Odyssee einer Psychiatrie-Patientin auf der Suche nach Hilfe

Zum Pflichtversorgungegebiet des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke zählen Wetter und Gevelsberg – aber nicht Ennepetal.
Zum Pflichtversorgungegebiet des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke zählen Wetter und Gevelsberg – aber nicht Ennepetal.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Weil Psychiatrie-Betten knapp und den Kliniken Pflichtversorgungsgebiete zugewiesen sind, fand eine Patientin in schwerer Krise nur mühsam Hilfe.

Hagen/Ennepetal.. Wenn ein Bein entzwei ist, gibt es wohl kaum Diskussionen darüber, was zu tun ist: schnell in das nächste Krankenhaus. Was aber, wenn die Psyche gebrochen ist? In die Klinik wollten drei Frauen ihre Freundin bringen, als sie sie Anfang des Jahres in der Nacht von Freitag auf Samstag völlig verwirrt auffanden. Der Start in eine nächtliche Odyssee.

Die Frau zitterte am ganzen Leib, schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück, war kaum mehr ansprechbar. Nicht der erste Zusammenbruch. Schon zwischen den Festtagen, als die Frau zu Besuch bei ihrer Schwester in Hessen war, hatte sie unter Angstzuständen und Wahnvorstellungen gelitten, Suizidabsichten geäußert. In einer allgemeinen Klinik hatte man sie mit einem Notfallmedikament versorgt und ihr geraten, sich in ein Krankenhaus mit psychiatrischer Station zu begeben. Die Frau aber wollte, als es ihr etwas besser ging, erst zurück nach Hause.

Rückfall mitten in der Nacht

In Ennepetal dann ein paar Tage später der Rückfall. Jetzt also in die Klinik, dachten sich die herbei gerufenen Freundinnen, verabreichten der Frau das Notfallmedikament und steuerten gegen zwei Uhr nachts die nächste psychiatrische Abteilung an: das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (20 Kilometer entfernt).

Ärztemangel Eine Schwester in der Notfallambulanz rief die zuständige Psychiaterin an. Die ließ sich am Telefon von den Freundinnen den Fall schildern. Die Patientin solle stationär behandelt werden, bestätigte die Ärztin den Frauen, alles richtig gemacht zu haben. Doch da die Patientin aus Ennepetal komme, sei Herdecke nicht zuständig. Die Ärztin informierte sich selbst und teilte den Dreien dann mit, dass sie zur Tannenhofklinik nach Remscheid müssten (38 Kilometer).

Weitere 64 Kilometer

Dort um kurz vor vier Uhr angekommen, erklärte man sich ebenfalls als falsche Adresse: Patienten aus Ennepetal gehörten nach Hemer. Weitere 64 Kilometer allerdings wollten die Frauen in der Nacht nicht fahren, insistierten so lange, bis eine Ärztin die Patientin begutachtete, sie wiederum mit Notfallmedikamenten versorgte und riet, nach dem Wochenende das zuständige Haus aufzusuchen.

Allerdings nicht Hemer. Dort wären die Vier auch verkehrt gewesen. Die Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel in Hattingen versorgen Patienten aus Ennepetal. Den Psychiatrischen Kliniken und den Allgemeinkrankenhäusern mit psychiatrischen Abteilungen sind Pflichtversorgungsgebiete zugeteilt. So wolle man die Versorgung der so genannten Zwangspatienten sicherstellen, erklärt Margareta Müller-Mbaye, leitende Ärztin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Also von Patienten, die sich selbst oder andere gefährden und gegen ihren Willen eingewiesen werden. Neben den „Zwangspatienten“ sollen die Kliniken die anderen behandlungsbedürftigen Bürger aus ihrer Region vorrangig aufnehmen, heißt es im NRW-Krankenhausplan.

Zu 110 Prozent ausgelastet

Und weil die Kapazitäten in den Psychiatrien mehr als knapp seien, könne man Aufnahmeersuchen aus anderen Regionen selten stattgeben. „Wir sind zu 110 Prozent ausgelastet, stellen also immer Betten zu“, erklärt auch Professor Klaus Windgassen, ärztlicher Direktor der Remscheider Tannenhof-Klinik.

Pflege Und doch, so betonen beide Ärzte, seien die Kliniken verpflichtet, einen Notfallpatienten ganz gleich, woher er kommt, zu untersuchen, zu versorgen und bei Gefahr über Nacht aufzunehmen. Die zuständigen Kollegen, so bescheinigen Müller-Mbaye wie Windgassen ihren Mitarbeitern, hätten sich aber sehr gut über den Fall informiert, hätten sich sorgfältig eine Meinung gebildet. Man sei aber zu dem Schluss gekommen, so Müller-Mbaye, dass die Patientin in einem so gefestigten Zustand war, zudem in guter Begleitung ihrer Freundinnen, dass sie bis in die eigentlich zuständige Klinik fahren konnte.

Nur, dass offenbar niemand so recht weiß, welche das ist. Auch in der Krankenhausdatenbank des NRW-Gesundheitsministeriums wird Hemer als zuständige Klinik für den südlichen EN-Kreis ausgewiesen.

Die Bezirksregierung Arnsberg prüft nun den Fall.

Was sollen Angehörige tun, wenn die Krise mitten in der Nacht kommt? „In heiklen Situationen den Notarzt rufen“, empfiehlt Margareta Müller-Mbaye.

Wer ganz sicher gehen wolle, die richtige Adresse anzusteuern, solle zunächst einmal in der Klinik anrufen, so die leitende Ärztin.