Nur die schweren Rohre schafft Markus nicht

Marcus Ehlting (21) hat im Berufsbildungswerk Volmarstein eine Vollausbildung als Zerspanungsmechaniker mit der Fachrichtung Frästechnik gemacht und ist stolz darauf nun bei der Firma Gunter Langwieler in Gevelsberg arbeiten zu dürfen. Elle und Speiche des rechten Arms sind seit Geburt zusammengewachsen.
Marcus Ehlting (21) hat im Berufsbildungswerk Volmarstein eine Vollausbildung als Zerspanungsmechaniker mit der Fachrichtung Frästechnik gemacht und ist stolz darauf nun bei der Firma Gunter Langwieler in Gevelsberg arbeiten zu dürfen. Elle und Speiche des rechten Arms sind seit Geburt zusammengewachsen.
Foto: WP

Gevelsberg..  Die Fräsen und Drehbänke dröhnen durch die Hallen. Die Arbeiter stellen Teile für die Automobilindustrie her. Es kommt auf tausendstel Millimeter an. Mittendrin: Markus Ehlting, 21 Jahre alt, voll ausgebildeter Zerspanungsmechaniker mit der Fachrichtung Frästechnik. Routiniert und konzentriert geht er seiner Arbeit nach. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Dann muss er ein schweres Rohr in die Maschine einlegen. Zu schwer für ihn. Markus Ehlting geht zu seinem Kollegen an der Nachbarmaschine, tippt ihm auf die Schulter sagt etwas, das die Geräuschkulisse verschluckt. Der Kollege lässt seine Arbeit ruhen, hilft beim Einlegen des Rohres. Freundlich, nett hilfsbereit. Jedes Mal, wenn Markus Ehlting ein solches Rohr mit seiner CNC-Fräse bearbeiten muss.

Zunächst leichte Vorbehalte

Nur wer genau hinschaut, sieht, dass der rechte Arm des 21-Jährigen irgendwie anders aussieht. „Seit meiner Geburt sind Elle und Speiche zusammengewachsen. Ich kann den Arm nicht richtig strecken und kann die schweren Werkstücke nicht allein heben und einlegen“, sagt er. Markus ist behindert. Und Markus ist der wohl stolzeste und glücklichste Angestellte der Gunter Langwieler GmbH.

Die hat Rolf Komossa als Nachfolger des Namensgebers vor 13 Jahren übernommen. Dicke Oberarme, breite Schultern, redet nicht um den heißen Brei. „Es ist schwer, vernünftiges Personal zu finden, aber ich habe jetzt drei Leute bekommen, mit denen alles wirklich top funktioniert“, erzählt er während der Frühschicht des Kompetenznetzwerks Oberflächentechnik, zu der zahlreiche Chefs aus der Metallbranche in seine Firma an der Kölner Straße gekommen sind. Einer von den drei Top-Leuten ist Markus Ehlting, denn Rolf Komossa setzt zunehmend darauf, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Dass er sich im Vorfeld durchaus kontroverse Gedanken über diesen Schritt gemacht hat, verhehlt er überhaupt nicht: „Ich habe mich zum Beispiel gefragt, wie ich sie wieder loswerden könnte, wenn es doch nicht funktioniert, und ob sie einen besonderen Kündigungsschutz genießen“, erzählt er. An dieser Stelle trat Christian Münch auf den Plan, Inklusionsbeauftragter der SIHK. „Ich übernehme die Lotsenfunktion für die Unternehmen, die jemanden mit Behinderung einstellen wollen“, sagt er. Heißt konkret: Münch berät die Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, an welchen Stellen sie problemlos Behinderte einstellen können oder wie sie Strukturen im Unternehmen schaffen können, um solche Stellen zu schaffen.

Betriebsklima deutlich verbessert

Das kann beispielsweise sein, Fachkräften Tätigkeiten abzunehmen, zu denen keine besondere Qualifikation notwendig ist, um so die Kompetenz an der richtigen Stelle einzusetzen und gleichzeitig beispielsweise einem Menschen mit Lernbehinderung eine Chance zu geben. Andererseits werden aber auch die Berufsbildungswerke immer interessanter für die Industrie.

An einem solchen in Volmarstein hat auch Markus Ehlting seine Ausbildung gemacht. Etwa fünf Monate vor seiner Freisprechung setzte er sich mit seinem Ausbilder zusammen und verschickte zahlreiche Bewerbungen. Probearbeiten bei Rolf Komossa. Das passte. „Direkt nach der Freisprechung habe ich hier angefangen, ich war nicht einen einzigen Tag arbeitslos“, sagt der 21-Jährige voller Stolz, der auch noch einen Kollegen mit Sehschwäche hat. Und wie werden sie von den Kollegen akzeptiert? „Ich fühle mich pudelwohl und voll akzeptiert“, sagt Ehlting und fügt lächelnd hinzu: „Wenn ich Mist baue, bekomme ich vom Chef sicher auch einen Anschiss wie alle anderen, das ist aber noch nicht vorgekommen.“

Der ist nach anfänglicher Skepsis von dem Modell mittlerweile restlos überzeugt: „Ich werde das weiter vorantreiben.“ Er sieht als positiven Nebeneffekt auch, dass das ganze Arbeitsklima im Betrieb von mehr Hilfsbereitschaft geprägt ist. „Nur bei einer Sache krieg’ ich ein Hörnchen. Wenn der Markus wieder versucht, die schweren Dinger allein zu schleppen. Das soll er bloß lassen.“ Richtig, aber da helfen ja auch liebend gern die Kollegen.