Mutmaßlicher Mörder ist voll schuldfähig

Ennepetal, Mord an der Willringhauser Straße in Rüggeberg, 46 Jahre alte Frau wurde vermutlich von ihrem Ex-Mann erstochen, 2014
Ennepetal, Mord an der Willringhauser Straße in Rüggeberg, 46 Jahre alte Frau wurde vermutlich von ihrem Ex-Mann erstochen, 2014
Foto: WP

Ennepetal/Hagen..  Im Mordprozess gegen den Mann (48) aus Rüggeberg, der im September seine Ex-Frau (46) mit vier Messerstichen in den Brustkorb getötet haben soll, hatte der Sachverständige das Wort. Der Angeklagte sei „voll schuldfähig“, heißt es im Gutachten. Heute wird das Strafverfahren vor dem Landgericht Hagen fortgesetzt.

„Eine Menge Mist gemacht“

Er sitzt da, als wäre er ein unbeteiligter Prozessbeobachter, blättert gelangweilt in seinem Aktenordner, fingert kleine Zettel aus Klarsichthüllen oder macht sich eifrig Notizen. Es wirkt, als säße er in einem Büro und als ginge ihn das ganze Drumherum im Gerichtssaal gar nichts an.

Dabei ist der bullige Mann die Hauptperson: Ihm wird vor dem Schwurgericht Hagen der brutale Mord vorgeworfen. Dort trat jetzt Dr. Nikolaus Grünherz (62), Facharzt für Psychiatrie, an – um in seinem Gutachten den Angeklagten auszuleuchten.

Der lebe seit 1975 in Ennepetal und habe nach eigener Aussage „in seiner Jugend eine Menge Mist gemacht“. Gäbe es ein Wort, den Angeklagten zu charakterisieren? „Aufbrausend“, „impulsdurchbrüchig“ und „emotional instabil“, antwortet Dr. Grünherz.

Im Gespräch habe der Angeklagte die getötete Frau „als liebevoll, attraktiv und zärtlich beschrieben“, so der Gutachter, „sie hatte die positiven Eigenschaften, die er selbst nicht habe und an sich selbst vermisse.“ Dr. Grünherz kommt zum Ergebnis: „Ich denke, sie war die Liebe seines Lebens.“

Der Angeklagte könne furchtbar eifersüchtig werden. Ein Beispiel: Als ein anderer Mann bei einer Diskoveranstaltung sie mehrmals zum Tanz aufforderte, sei der wütend dazwischen gegangen: „Das reicht jetzt!“ Er habe seine Ehefrau als Besitz angesehen. Psychiater Dr. Grünherz: „Dieses Kontrollbedürfnis aus Eifersucht führte zu Spannungen in der Ehe. Sie war ihm überlegen. Und er wusste sich nicht anders zu helfen, als gröber zu werden.“

2004 die erste Misshandlung der Ehefrau, 2008 die nächste Körperverletzung. Ihm sei „die Hand ausgerutscht, eine normale Ohrfeige“, hatte der Angeklagte dem Sachverständigen dazu lapidar erklärt. Oder „würgen“, das bezeichnet er schlicht als „an die Wand drücken.“

„Diese massiven Übergriffe haben die Basis der Ehe zerstört“, so der Gutachter. Deshalb zog der Angeklagte für ein halbes Jahr aus der Wohnung, dann wieder ein: „Er wollte die Beziehung neu starten. Aber es hat sich herausgestellt, dass es nur noch eine Wohngemeinschaft war.“

Er hat ein Alles-oder-Nichts-Denken

Dr. Grünherz: „Der Angeklagte hat an der Beziehung unverrückbar fest gehalten, hing am Traum von einer Familie, der längst geplatzt war.“

Seit 2008 habe sich die Getötete als sein Opfer fühlen müssen, denn sie sei von ihm „gestalkt“ worden: Verfolgt, belästigt, bedroht. Er hätte sie aufgelauert und angegriffen. Gutachter Dr. Grünherz: „Beim Angeklagten handelt es sich um einen so genannten ,zurückgewiesenen Stalker’ mit hoher Gewaltbereitschaft.“

„Dieser Tätertypus hat ein Alles-oder-Nichts-Denken: Wenn nicht ich, dann auch kein anderer.“

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