Mit 80 Jahren in den Teil-Ruhestand

Mit 80 Jahren ist ein wenig Schluss: Helga Oesterling (Mitte) übergibt ihr Handarbeitsgeschäft an Manuela Lindner-Pawlik (3. von links)
Mit 80 Jahren ist ein wenig Schluss: Helga Oesterling (Mitte) übergibt ihr Handarbeitsgeschäft an Manuela Lindner-Pawlik (3. von links)
Foto: WP

Gevelsberg..  Manche werden an einen Aprilscherz glauben: Helga Oesterling will sich zurückziehen. Zum 1. April übergibt die Frau, die aus dem Gevelsberger Geschäftsleben eigentlich nicht wegzudenken ist, ihr Handarbeitsgeschäft in der Fußgängerzonen.

Von Aufhören wollte Helga Oesterling Ende vergangenen Jahres noch gar nichts wissen. Damals hatte sie ein Doppel-Jubiläum gefeiert: Ihr Geschäft und sie selbst wurden 80 Jahre alt. Da sitzen die meisten Menschen schon seit 15 Jahren auf der Couch. Nicht so die Geschäftsfrau Helga Oesterling.

Gerücht im Café aufgefangen

Dass es plötzlich ganz schnell ging, liegt – wie sollte es bei einer Geschäftsübergabe am 1. April auch schon anders sein? – an einer Falschmeldung. „Ich saß nach einem Zahnarztbesuch in Gevelsberg in einem Café und habe auf einmal spitze Ohren bekommen“, erzählt Manuela Lindner-Pawlik. Am Nebentisch spekulierten zwei Damen, dass Helga Oesterling nun doch in den Ruhestand möchte. „Ein solches, alt-eingesessenes Geschäft zu übernehmen, war immer mein Traum. Also habe ich Frau Oesterling angesprochen“, erzählt die Ennepetalerin, die einen kleineren Stoffladen in Wuppertal besitzt und Handarbeits-Kurse leitet.

Die Anfrage kam für Helga Oesterling überraschend, brachte sie aber auch zum Grübeln: „Ich war im vergangenen Jahr häufiger krank. Und außerdem fehlt irgendwie der Mann im Geschäft.“ Als ihrer noch lebte, „habe ich eingekauft und verkauft, alles andere hat er gemacht.“ 46 Jahre lang war sie in dem Fachgeschäft zu finden, seit 38 Jahren besitzt Helga Oesterling es selbst: „Einige, die früher im Kinderwagen von ihren Müttern in das Geschäft geschoben wurden, kommen heute mit ihren Enkeln zu mir.“ So langsam, fand die Unternehmerin, habe man das Recht dazu, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Auch die Mitarbeiterinnen in dem traditionsreichen Geschäft haben ein Alter erreicht, in dem eigentlich der Ruhestand schon längst verdient wurde.

Aber, wie heißt es so schön? „Niemals geht man so ganz.“ Und der Titel des Liedes gilt auch für Helga Oesterling. Sie wird auch in Zukunft halbe Tage in dem Geschäft zu finden sein. „Die Gespräche mit Frau Oesterling waren eine Freude und ich bin glücklich, dass sie bereit ist, weiterhin an dem einen oder anderen Tag für den Kunden mit ihrem unerschöpflichen Fachwissen, im Geschäft zur Verfügung zu stehen“, meint Manuela Lindner-Pawlik.

Besonders freut sich die Ennepetalerin darüber, in Gevelsberg eine unternehmerische Zukunft gefunden zu haben: „Die Entscheidung für den Standort ist mir leicht gefallen. Ich habe die Entwicklung von Gevelsberg als Einkaufsstadt über viele Jahre beobachtet und bin begeistert über das Ergebnis.“

Der April wird erst einmal ein Monat des Umbruchs für das Geschäft in der Fußgängerzone sein. Zwischen dem 20. und 26. April bleiben die Eingangstüren wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. „Das wird auch Zeit, dass hier mal was getan wird“, unterstützt die alte Chefin Helga Oesterling ihre Nachfolgerin. Und sie selbst möchte vor allen Dingen erst einmal danke sagen – nicht nur den Kunden, die ihr 46 Jahre lang die Treue gehalten haben: „Ich habe vielleicht mit zweien oder dreien von ihnen im Lauf der Jahre Krach gehabt.“ Und das ist eine überzeugende Bilanz eines Berufslebens.