MGV Eintracht Kotthauser Höh
16.02.2010 | 17:22 Uhr 2010-02-16T17:22:00+0100
Es ist – wie die letzen Wochen schon – verschneit, was eine Anreise in das in den Hängen gelegene Voerde kaum zumutbar macht. Viele Nebenstraßen sind an diesem Freitagabend weder geräumt noch gestreut. Auch der Dr.-Siekermann-Weg scheint heute noch abgeschiedener.
Trotz Kälte nährt sich hier eine kleine Flamme der musikalischen Traditionspflege mit dem, was noch am Essenziellen, der Gemeinschaft, übrig geblieben ist und wo man sehnlichst auf Vermehrung hofft.
In der Stube der Gaststätte „Wiemer Hof” trifft sich der wohl älteste Chor in diesen Kreisen: Der MGV „Eintracht” Kotthauser Höh. In Oberbauer beheimatet und auf vielen Bühnen zuhause ist der Chor mit der wohl längsten Tradition in diesen Kreisen. Er ist – betrachtet aus der Epoche, aus der er stammt – ein romantischer Chor. 150 Jahre trägt er seit diesem Jahr auf seinen Schultern und damit auch eine Verantwortung, die schon im Vereinsnamen als Mission festgeschrieben ist. Es ist die „Eintracht”, auf die der Chor besteht und die er als herausragendes Merkmal heraushebt. Ein generationenübergreifendes Projekt ist es heute noch, doch scheint das jetzt wenig praktikabel.
Die Sangeskraft dieses Chors ist allerdings geblieben. Kultiviert durch eine Reihe herausragender Chorleiter, zuletzt noch durch Friedrich Wilhelm Figge, steht dort jetzt ein sehr gereifter Chor. Heute probt er für sein Jubilämskonzert mit dem „Original Trentiner Bergsteigerchor”, das als Rückblick und Querschnitt durch die beliebteste Chorliteratur für Männerchöre konzipiert ist.
Der Vater nahm den Sohn zur Probe mit
Das war wohl die formellste Begrüßung, die ich bis dahin bei meinen Chorbesuchen erlebt habe. Mit einer kurzen, halb vorbereiteten Begrüßungsrede vom 1. Vorsitzenden Friedhelm Tempelmann, erfuhr ich meine Einführung in diesen Chor für einen Abend. Ich merke, dass diese Attitüde aus einem Selbstbild resultiert, das dezent mit kleinen Zeichen unterstrichen wird. Anstecknadeln vom „Chorverband NRW”, sowie das Logo der „Ruhr.2010” zeugen hier von einer starken Identifikation mit dem eigenen Chor und mit der Kultur drumherum. Ein kurzes Einsingen wird von einigen Liedern begleitet, die aus dem Stand zur Aufwärmung dienen. Auswendig wird hier gesungen, damit man auch genau auf den Chorleiter achten kann und nebenbei stärkt es die geistige Leistungsfähigkeit.
Gegründet auf dem „Eintracht”-Gedanken begann der Chor mit 14 Mitgliedern im Jahre 1860 im damals noch so genannten Ort „Kotthausen”, dem heutigen Oberbauer. Der Gesang sei damals eng mit einem sozialen Gedanken verbunden, sagt Tempelmann. Als Hilfsgemeinschaft im Ort prägte der Chor diesen entscheidend mit und so entstand eine feste Gemeinschaft: „Damals war es noch üblich, dass der Vater den Sohn mit zur Probe nahm”. Heute hat jeder der 30 Mitglieder seinen eigenen Platz, der durch seine purpurrote Mappe markiert wird und zeigt sich als Hüter eines der wichtigsten Kulturgüter, des deutschen Volksliedes.
Das durch die Komponisten Robert Schumann und Franz Schubert etablierte Genre geizt nicht mit Niveau. Hinter deutlicher heimatsbezogener Thematik verstecken sich hier anspruchsvolle melodische und harmonische Wendungen, die der Chor problemlos meistert. Nur ich fühle mich in diesen Klängen stimmlich noch nicht ganz so wohl. Vielleicht war es der lyrische und weiche Ton, der sich keiner klanglichen Fülle verwehrt, der dem Chor noch unter Figge nahezu einen Meistertitel bescherte.
Titel „Meisterchor” nur knapp verpasst
In der letzten von drei Runden sind sie damals gescheitert. Über den Grund ist man sich aber im Chor einig: Die Liedauswahl der Jury sei unvorteilhaft gewesen. Heute sind es Lieder mit dem simplen Titel „Heimat” oder „Der Schäfer”, die mich aus der klanglich-ästhetischen Perspektive reizen.
Trotz des hohen Anspruchs an sich selbst – Chorleiter Hans-Martin Schmitz fordert jeden Ton als eigene trennscharfe und gerade Einheit – bleibt die „Eintracht” auf dem Boden. „Wir wollen uns nicht von den anderen abheben”, sagt Tempelmann. Konkurrenz, so merke ich, steht im Hintergrund. Vielmehr versteht sich der MGV „Eintracht” Kotthauser Höh als ein Teil einer größeren Idee.
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