Liebe kann ganz schön weh tun

Hagen Rether unterhielt und forderte sein Publikum im voll besetzten Haus Ennepetal. Die Großen und Mächtigen und die Kleinen und Ohnmächtigen ließ er als imaginäre Marionetten erscheinen.
Hagen Rether unterhielt und forderte sein Publikum im voll besetzten Haus Ennepetal. Die Großen und Mächtigen und die Kleinen und Ohnmächtigen ließ er als imaginäre Marionetten erscheinen.
Foto: WP

Ennepetal..  Keiner kann ihm nachsagen, dass er sein Publikum nicht liebe. Schließlich heißt sein Programm seit nun mehr über zehn Jahren schlicht „Liebe“ – Jahr für Jahr ergänzt und umgeschrieben. Wie der Essener Kabarettist Hagen Rether seine Liebe zeigt, ist etwas für Menschen, die den Valentinstag verabscheuen und getreu dem protestantischen Credo „Nicht kritisiert, ist genug gelobt“, leben.

Immerhin bedankt sich der Folkwang-Absolvent nach den ersten 45 Minuten ganz artig: „Ich finde das toll, dass sie sich das alles antun heute Abend“. Von antun kann indes keine Rede sein. Rether macht Spaß, ist ein bisschen anstrengend und nach 90 Minuten, die „preiswerter sind als ein Ruhe-Workshop“, entlässt Rether sein Publikum beschwingt trotz all der Widrigkeiten der Politik, des Miteinanders und des Lebens insgesamt.

Den Einstieg gestaltet Rether gekonnt gemein und verrät sich dann doch selbst: „Reichenbach-Dingens-Kirchen, oder wie heißt das hier?“ Das hier heißt Haus Ennepetal. Wer aber auch die Aula des Reichenbach-Gymnasiums kennt, der war wohl mindestens schon einmal in der westfälischen Provinz am Rande des Ruhrgebiets unterwegs.

Mehr als 500 Gäste

Hagen Rether trat am Samstag schlicht, mit schwarzem glänzenden Flügel, gepflegtem Pferdeschwanz und artiger Skepsis gegenüber allem und jedem vor mehr als 500 Gästen im Haus Ennepetal auf. Von der Weltpolitik bis hin zur Achselbehaarung – Rether kann über alles niveauvoll plaudern, um sich dann mit feinem Sarkasmus oder brachialem Unverständnis zu äußern. Weltpolitik? Die beschäftige sich mit der Freiheitsfrage, die deutsche Politik hingegen mit der Frage, ob „Wetten dass“ noch zu retten sei. Langeweile? Das letzte noch verbleibende Tabu, nachdem das Briefgeheimnis und die Achselbehaarung weggefallen sind.

Zur Forderung nach strenger Einwanderungspolitik zitiert er gerne den Vorstand eines schwäbischen Sportwagenherstellers: „Der wo hier lebt, muss auch Deutsch können“. Aua, denkt man da. Manchmal tut es ganz schön weh, Rether zu zuhören, nicht, weil er falsch läge, sondern, weil er fest an das Prinzip glaubt, dass Veränderung nur von jedem Einzelnen ausgehen kann. Die weit verbreitete „Blockwart-Mentalität“ wie er sie nennt, sei auch heute nicht ausgestorben, auch nicht in Ennepetal, wenn die Feuerwehr rund um Ostern mehr als 100 anonymen Hinweisen zur Ordnungsmäßigkeit von Osterfeuern nachgehen muss.

Es macht den Anschein als springe Hagen Rether in seinen Gedanken. Ein roter Faden findet sich dennoch im großen Moloch aller Themen: Es ist die Gesellschaft. Die wiederum so breit gefächert ist, dass Hagen Rether mühelos immer wieder neue Beispiel für schlichte Dummheit und gravierende Dreistigkeit findet.

Ein bisschen Liebe ist aber doch im Spiel. Nicht umsonst engagiert sich Rether bei Amnesty International. Und ganz ehrlich, wer so viel Zeit für das Polieren des gesellschaftlichen Spiegels aufbringt, der muss sie zumindest mögen, die Menschen mit allen Schwächen und Macken.