Landwirtschaft muss Qualität hoch halten

Hof Simon Gut Oberberge in Linderhausen.
Hof Simon Gut Oberberge in Linderhausen.
Foto: WP

Schwelm..  Saftiges Grün, so weit das Auge blickt. In aller Ruhe grasen die Kühe, aus der Ferne trägt der Wind ganz leicht das Rauschen der Autobahn herüber. Ein Greifvogel zieht seine Kreise und ein Hase sprintet über die Landstraße, die die beiden großen Felder zerschneidet. Nicht in Ostfriesland und nicht in Bayern – sondern in der Stadt mit dem wenigsten Platz in Nordrhein-Westfalen spielen sich diese Szenen ab. Bis sich die Linderhauser Landwirte darüber beschwerten, dass ihre Flächen von den Städten Schwelm, Sprockhövel und Wuppertal ohne nachzufragen verplant werden (wir berichteten), war dies vielen auch Alteingesessenen überhaupt nicht bewusst. Ein Blick in die Landwirtschaft.

Der Familie Simon gehören 60 Hektar allein in Linderhausen. Sie hält Milchkühe, die Hofnachfolge ist gesichert. Die Tochter ist genauso mit Leib und Seele für die Tiere da, wie die Eltern Hinnerk und Birgit. Sie sind Vollerwerbslandwirte. Seit vielen Jahrzehnten ist die Milchproduktion die Grundlage dafür, dass die insgesamt fünfköpfige Familie von der Landwirtschaft leben kann. 150 Milchkühe und ebenso viele Jungtiere zählt die Herde. Die Milch, die seine Kühe geben, wird von der Molkereigenossenschaft Campina zu „Landliebe“-Produkten verarbeitet.

Um seine Milch dort verkauft zu bekommen, muss ein Landwirt höchste Kriterien erfüllen. Denn, Landliebe schreibt vor: Die Lebensmittel müssen nachhaltig in einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft produziert werden. Hinnerk Simon erläutert, was dahinter steckt: „Für das gesamte Futter sind wir zuständig. Heißt: Gras und Mais – auch für den Winter – bauen wir ebenso selbst an, wie das Getreide, das als Kraftfutter dient, das Stroh zum Einstreuen. Gülle und Mist bringen wir gleichmäßig auf die Flächen auf, um dem Boden verlorene Nährstoffe zurück zu geben. Die Tiere beweiden im Sommer die Grünflächen, genmanipulierte Futtermittel dürfen wir nicht einsetzen.“

Nagelneuer Jungtierstall

Unlängst hat Hinnerk Simon einen Jungtierstall von der Stadt Schwelm genehmigt bekommen und diesen auch gebaut. Er ermöglicht die Remontierung der Milchviehherde ohne Zukäufe, was Hygiene-Problemen und Tiertransporten vorbeugt. „Das fordern die Verbraucher und das erfüllen wir alles liebend gern“, sagt Hinnerk Simon und verweist auch auf die zahlreichen Nachbarn, die im Voll- aber überwiegend im Nebenerwerb wirtschaften. Wie zum Beispiel Vera Gräfingholt, deren Sohn Lukas den Betrieb mit Mutterkühen und Kartoffelanbau fortführen will, oder Udo Brakelmann, der Mastrinder hält, oder Hans-Heinrich Vöpel und Walter Flockenhaus, die Ackerbau in Linderhausen betreiben. Sie alle eint jedoch die Sorge, dass ihnen die Grundlage für die nachhaltige Landwirtschaft nach und nach durch die umliegenden Kommunen entzogen wird. „Der geplante Ausbau des Autobahnkreuzes, das 70 Hektar große interkommunale Gewerbegebiet und das Kunstrasenprojekt – die Städte Wuppertal, Sprockhövel und Schwelm wollen derart an unseren Flächen bedienen, dass Kreislauf- und Weidewirtschaft ernsthaft gefährdet sind“, sagen sie. Tier-, Futter und Gülletransporte seien vorprogrammiert, das könne nicht im Sinne der Nachhaltigkeit und erst recht nicht im Sinne der Verbraucher sein, die verstärkt Wert auf exakt diese ökologischen Gesichtspunkte legen und vermehrt Lebensmittel fordern, die vor Ort produziert werden.

Außerhalb dazu kaufen oder pachten

Denn da kommt wieder die eingangs erwähnte Besonderheit der Stadt Schwelm mit ihren ausgesprochen knapp bemessenem Platz zum Tragen. „Bereits jetzt bauen wir Futter in der Nähe des Schwelmebads an. Sollten uns hier dutzende Hektar verloren gehen, ist es auch nicht mehr möglich, dass wir unsere Kühe rund um unserer Hof herum auf die Weiden führen. Wir wären gezwungen, Flächen weiter außerhalb dazu zu kaufen oder zu pachten“, sagt Hinnerk Simon. Gleichzeitig wirbt er dafür das Landschaftsbild Linderhausens – sonst in der Stadt an keiner anderen Stelle zu finden – auf keinen Fall zu zerstören.

Wertvolle Fläche ginge verloren

„Alle drei Baumaßnahmen gefährden direkt uns Linderhauser Landwirte, da jedes Mal landwirtschaftliche Nutzfläche verloren ginge. Doch den Erhalt der Kulturlandschaft sind wir in den Ballungszentren mit urbaner Landwirtschaftschaft unseren Kindern schuldig“, sagt der Landwirt. Er hofft, dass seine Kühe und die Tiere seiner Nachbarn noch lange in Linderhausen weiden, der Duft frisch gemähten Grases die Luft erfüllt und diese landwirtschaftliche Enklave Schwelms noch lange Bestand hat.