IS-Terrorplaner nahm Ennepetaler in Empfang

Eine Spur der Verwüstung und 54 Tote hinterließ die Autobombe in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die am 19. Juli 2014 detonierte
Eine Spur der Verwüstung und 54 Tote hinterließ die Autobombe in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die am 19. Juli 2014 detonierte
Foto: WP

Ennepetal/Bagdad.. Als Ahmet C. vor knapp einem Jahr 54 Menschen mit in den Tod riss, verübte er das grausamste Verbrechen, das je ein Ennepetaler begangen hat. Der 21-Jährige war Selbstmordattentäter des Islamischen Staats (IS) und nun spricht in der aktuellen Ausgabe des Nachrichten-Magazins „Der Spiegel“ der letzte Mann, der ihn lebend gesehen hat. Abu Abdullah plante laut eigener Aussage in drei Monaten 19 Selbstmordattentate für den IS und sitzt seit einiger Zeit in einem Gefängnis in Bagdad.

Spiegel-Reporter Christoph Reuter ist seit vielen Jahren in der islamischen Welt unterwegs, berichtet vor allem aus den Krisenregionen im Nahen Osten, ist bestens vernetzt und bekam Zutritt zu dem Hochsicherheitsgefängnis, in dem der Logistiker des IS-Terrors einsitzt. Die beiden sprachen auch ausführlich über Ahmet C., seine Tat und die unfassbare Geschwindigkeit seiner Radikalisierung.

Koran in Wuppertal verteilt

Der Ennepetaler, der als Dschihadist mit 21 Jahren starb, führte zunächst ein unauffälliges normales Leben in der Klutertstadt. Die Eltern betreiben einen Imbiss, der Sohn ging auf das Gymnasium, spielte Fußball beim TuS. Dann stieß er auf einen islamischen Hassprediger, verfiel seinem Bann, binnen weniger Monate infizierte sich Ahmet C. mit dem Hass-Virus. In einem der letzten Videos, die von ihm auf der Internet-Plattform Youtube kursieren, verteilt er Gratisexemplare des Koran in der Wuppertaler Fußgängerzone. „Lies! Im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat.“, prangt auf seinem T-Shirt. Ahmet C. trug mittlerweile Vollbart. Im Sog der Salafisten, die in Wuppertal sehr präsent sind, wollte er mit der Heiligen Schrift Ungläubige bekehren.

Über Syrien in den Irak gebracht

Nur wenige Wochen später reichte ihm das nicht mehr. Im Bann der Fanatiker wollte Ahmet C. selbst in den Dschihad ziehen, ließ sich von der Terrormiliz anwerben. Wenig später reiste er über die Türkei nach Syrien. Dort nahmen ihn die Truppen des IS in Empfang, bis sie ihn schließlich in den Irak weiterverbrachten. Dort hatte man schon genaue Pläne mit dem Deutschtürken, der fortan den Kampfnamen „Abu Qaqa al-Almani“ trug.

Maßgeblich dafür verantwortlich, wo und in welcher Weise der junge Mann eingesetzt wurde, zeichnete Abu Abdullah, der im Gespräch mit dem Spiegel einen erschreckenden Einblick in die Kaltherzigkeit des IS gibt. „Es ging darum, so viele Menschen wie möglich zu treffen – darunter vor allem Polizisten, Soldaten und Schiiten allgemein“, sagt er. Daher habe er vor allem Märkte, schiitische Moscheen und Kontrollposten der Polizei für die Anschläge ausgewählt. In einen solchen fuhr auch Ahmet C. mit seinem Wagen.

Laut eigener Aussage bereitete der Terror-Logistiker in seiner Autowerkstatt allein während der drei Monate vor seiner Festnahme 19 Anschläge vor. Die IS-Führung habe ihm im Vorfeld die Maße der Selbstmordattentäter geschickt, er habe anschließend die Gürtel angefertigt. „Für die Autobomben nahmen wir C4-Plastiksprengstoff und Sprengstoff aus Artilleriegranaten.“ Ein solches Auto präparierte er auch für den Ennepetaler, der jüngste unter den Attentätern, die der Terror-Planer ausstattete.

Gleichzeitig sei dies eine der schnellsten Operationen gewesen, die er durchgeführt habe, obwohl der Deutsche kein Arabisch und er selbst kein Englisch gesprochen habe. Abu Abdullah: „Er verstand ein paar Worte, aber es ging eher mit Händen und Füßen. Es war meine kürzeste Operation; der Platz an dem ich ihn in Empfang nahm, lag nahe am Ort der Detonation. Er kam zum ersten Mal in seinem Leben nach Bagdad, 45 Minuten später war er tot. Ich dachte: Jetzt kommen schon Leute aus Deutschland, um sich hier in die Luft zu sprengen. Es gab mir ein Hochgefühl.“

Die Nachricht vom Attentat versetzte die Menschen in der Heimatstadt von Ahmet C. in Schock. Seine Eltern wollen bis heute nicht mit den Medien über ihren Sohn sprechen. Aus dem Freundes- und Familienkreis gab es aber insbesondere im sozialen Netzwerk Facebook auch lobende Worte für die Tat das Wort „Held“ wurde gepostet, wie der Verfassungsschutz bestätigt.

DNA-Abgleich unmöglich

Dieser geht inzwischen auch fest davon aus, dass es sich bei dem Attentäter um Ahmet C. handelt. Ein DNA-Abgleich war zwar bis heute nicht möglich, womit der endgültige Sachbeweis für seine Täterschaft fehlt, aber alle Informationen, die Verfassungsschützer und Geheimdienste zusammentrugen, lassen keine Zweifel mehr daran, dass es der Ennepetaler war, der am 19. Juli 2014 neben seinem eigenen noch 54 weitere Leben in der irakischen Hauptstadt auslöschte.