„Ich habe Tausende in die Gaskammer gehen sehen“

Gevelsberg/Auschwitz..  Eines der größten Grauen in der deutschen Geschichte hatte heute vor 70 Jahren ein Ende: Am 27. Januar 1945 wurden die Menschen aus dem Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau befreit. Die vorangerückte „Rote Armee“ vertrieb die Nazis aus dem berüchtigten Lager, das mehr als 1,5 Millionen Menschen das Leben kostete. In Auschwitz kommen jedes Jahr deswegen Überlebende und Vertreter aus Politik und Gesellschaft zusammen, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Einen der wenigen Überlebenden, die noch nicht verstorben sind, habe ich kennen gelernt. Und heute erzähle ich seine Geschichte.

Judenrampe steht noch

Jacek Zieliniewicz kommt aus der polnischen Stadt Posen. Er arbeitete bis zur Rente als Lebensmitteltechniker. Jacek Zieliniewicz spricht leise. Seine Bewegungen sind langsam, aber gezielt. Die geduckte Körpersprache des 88-Jährigen spricht Bände. Altersflecken und tiefe Falten zeichnen sein Gesicht. Was der Posener erlebt hat, entbehrt sich jeglicher Vorstellungskraft. Herr Jacek, wie ich ihn wegen seines schwer aussprechbaren Nachnamens nennen darf, hat das Konzentrationslager von Auschwitz überlebt. Und anstatt zu schweigen und die Hölle des Nationalsozialismus zu vergessen, erzählt er seine persönliche Geschichte. Schon seit vielen Jahren. Besonders gern vor Schülern und Studenten. Auf Deutsch. Das kann er fließend.

Wir fahren gemeinsam in das als „Auschwitz II“ bekannte Konzentrationslager von Birkenau. Das Bild des Haupttors ist weltbekannt. Es sieht aus wie ein schreiendes Monster mit kleinen Augen, das seinen Schlund aufreißt und jeden, der hindurch läuft, auffrisst.

„Willkommen in Auschwitz. Wer hier herkommt, für den gibt es kein Zurück...“. Die Art und Weise, wie Herr Jacek diesen Satz sagt, geht unter die Haut. Und obwohl ich weiß, dass es heute ein Zurück geben wird – ich fühle, wie mir dieser Ort die Luft abschneidet. Gemeinsam steigen wir hoch in die Wachstube über dem Haupttor. Von hier aus blicken wir über das Gelände des Todeslagers. Der eiskalte Wind peitscht den fallenden Schnee über die Bahngleise, die, unter dem Haupttor hindurch, direkt ins Lager führen.

„Das da hinten ist die Judenrampe. Hier wurden die Häftlinge aus den Viehwaggons herausgezogen und selektiert.“ Wir steigen aus der Wachstube herab und betreten das Konzentrationslager. Viel ist nicht zu sehen auf diesem riesigen, verschneiten Areal. Die Nazis haben viele der Baracken, Gaskammern und Krematorien weggesprengt, um Beweise verschwinden zu lassen. Damals, als die Russen kamen. Aber der meterhohe Stacheldrahtzaun um das Lager ist noch da.

Wir gehen den vereisten Weg in Richtung der Judenrampe entlang. Schon nach wenigen Metern sind meine Füße durchgefroren. Und obwohl ich mich dick und warm angezogen habe, kriecht diese Kälte durch jede Faser meiner Kleidung. Am Ausladepunkt der Rampe hält Herr Jacek an. Ein einzelner Viehwaggon aus Holz steht noch einsam auf den Gleisen. Hier stiegen täglich Tausende von neuen Häftlingen aus den Zügen. Oft waren sie tagelang unterwegs gewesen. Ohne Wasser. Ohne Essen. Dicht an dicht gedrängt. Viele starben schon im Viehwaggon. Ein besseres Leben hatte man ihnen versprochen. Umsiedlung nannten die Nazis das.

Daumen links oder Daumen rechts

„Wer hier ankam, wurde entweder in einen Haft-Block oder direkt in die Gaskammer getrieben.“ Herr Jacek spricht mit zittriger, leiser Stimme. Ich schaue ihm in die Augen. Es wirkt, als sehe er die vielen Familien, Frauen mit ihren Kindern und die Alten – als stiegen sie alle wieder aus den endlos langen Zügen aus. „Hier stand der Lagerarzt und führte die Selektion durch.“ Zeigte der Daumen nach links, wurden die neuen Häftlinge in ihr „neues Zuhause“ gebracht. In eine der dutzenden Baracken, die eigentlich für bis zu 52 Pferde gebaut worden waren. Anstatt der 52 Pferde hausten in den Baracken von Auschwitz-Birkenau stattdessen fast an die 1200 Häftlinge. Pro Baracke. Vier Quadratmeter für bis zu zehn Menschen. Kalt. Eng. Stinkend. Und überall Ratten.

Wenige Schritte vom Tod entfernt

Herr Jacek holt tief Luft. Und berichtet, was passierte, wenn der Daumen des Arztes bei der Selektion nach rechts deutete. „Nach rechts mussten meistens die Frauen, kleinen Kinder und natürlich die alten, gebrechlichen Leute gehen. Die Nazis erzählten ihnen, dass sie erst einmal geduscht und desinfiziert werden sollten. Sie wussten nicht, dass sie nur noch wenige Schritte vom Tod entfernt waren. Ich habe Tausende unschuldige Menschen in die Gaskammer gehen sehen.“ Herr Jacek schüttelt mit dem Kopf. Wir müssen weitergehen, sagt er. Wir hätten keine Zeit, meint er. Es gäbe noch vieles zu sehen und zu erzählen, verspricht er.

Vor uns liegt nun eine Ruine. Völlig vom Schnee bedeckt. Ein alter, aus roten Ziegeln errichteter Bau. Ein großer Schornstein ragt aus den Trümmern heraus. Das sei das Krematorium 1 gewesen, erfahre ich. Ein großer Graben liegt daneben. Sieht aus wie ein Schwimmbecken aus rotem Backstein. Treppen führen in das früher unterirdisch gelegene Becken herab.

Bis zu 20 Minuten Todeskampf

„Hierher trieben die Deutschen die Neuankömmlinge. Sie mussten sich die Kleider ausziehen und nackt weitergehen. Dann schlossen die Nazis die Tür. Von oben ließen sie das Gas in die Kammer. Diejenigen, die an der Öffnung standen, hatten es am Besten. Sie waren sofort tot. Alle anderen starben erst innerhalb von 15 bis 20 Minuten. Bis zu tausend Menschen auf einmal erstickten hier. Direkt danach wurden ihre Körper verbrannt, nachdem man ihnen vorher die Goldzähne herausgebrochen und die Haare geschoren hatte. Die Häftlinge, die das machen mussten, nannten wir ,Zahnärzte‘ und ,Friseure‘.“

Kinder brachen ihm das Herz

Was Herr Jacek erzählt, treibt mir die Tränen in die Augen. Ihm nach mehr als 70 Jahren nicht mehr. Trotzdem ist er bewegt: „Das Schlimmste für mich in Auschwitz war, dass ich durch meine Arbeit im Lager-Kommando ganz oft kleine Kinder in die Gaskammern gehen sah. Das hat mir bis heute das Herz gebrochen.“ Und spätestens hier, vor den Trümmern der Massenvernichtungsanstalt Birkenau, wird mir als unbeteiligtem Besucher klar, wie unvorstellbar grausam und unmenschlich die Nazis waren. Herrn Jacek haben sie verschont. Auch, wenn er oft Schläge mit dem Knüppel oder dem Gewehrkolben der SS-Soldaten versetzt bekam.

Auf ewig Nummer 138 142

An einem Haus, das im hintersten Winkel des riesigen Konzentrationslagers liegt, bleiben wir erneut stehen. Meine Füße spüre ich nicht mehr. Herr Jacek lacht. „Wir sind hier früher barfuß hergelaufen und standen oft mehr als den halben Tag zum Appell im Schnee.“ Ich kann es nicht fassen. Und erneut kommen mir die Tränen. Herr Jacek öffnet die Tür zum Ziegelbau. „Das Haus habe ich selbst mit gebaut. Hinterher musste ich hier immer die Fenster putzen.“ Innendrin ist es nicht viel wärmer. Herr Jacek beschreibt, wie die Nazis hier die Neuankömmlinge, die zur Zwangsarbeit ausgesucht worden waren, abfertigten. Sie wurden desinfiziert, kahlrasiert, bekamen Häftlingskleidung. Und sie mussten ihre Schuhe und Habseligkeiten abgeben. Eine Nummer wurde ihnen auf die Haut tätowiert. Das ging schneller. Und ließ sich im Zweifelsfall nicht verfälschen. Noch immer hat Herr Jacek die Nummer auf seinem Arm, die sie ihm in diesem Haus unter die Haut stachen: 138142. Sie gehört zu ihm. Sie erinnert Herrn Jacek täglich daran, dass er in Auschwitz war. Und dass er überlebt hat.

„Wir wussten stets, dass wir am nächsten Tag schon tot sein konnten. Ich habe noch immer den furchtbaren Gestank in der Nase, der vom Qualm der Krematorien bis in die Baracken zog. Unser Blockältester sagte einmal zu uns: ,Ihr habt nur eine Möglichkeit, dieses Auschwitz wieder zu verlassen. Nämlich als Rauch aus dem Krematorium.‘ Ich habe Glück gehabt. Und ich bin dankbar. Ich bin niemandem mehr böse. Denn die Täter leben fast alle nicht mehr. Wenn ich bald gehen muss, dann in Frieden.“

Befreiung am eigenen Leibe erlebt

Jacek Zieliniewicz erlebte die Befreiung von Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 am eigenen Leibe mit. Anderthalb Millionen andere, von den Nazis nach Auschwitz deportierte Menschen nicht. Sie verließen das Konzentrationslager als Rauch aus dem Krematorium. So, wie es der Blockälteste vorausgesagt hatte. Auschwitz darf nie vergessen werden.