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Humor ist das Schmiermittel für das Miteinander

11.04.2014 | 21:00 Uhr
Humor ist das Schmiermittel für das Miteinander
Susanne und Andreas Bentrup sind am Steinnocken einmal im Monat für zwei Stunden als Gustav und Klara unterwegs und versuchen Kontakt mit den Bewohnern herzustellen.Foto: Hartmut Breyer

Ennepetal. Während Klara ihre Ziehharmonika erklingen lässt und kräftig „Tulpen aus Amsterdam“ singt, kommt Gustav der Dame, die im Rollstuhl am Tisch sitzt, ganz nah. Er ergreift ihre Hand und nach wenigen Augenblicken singt sie leise mit. Keine Selbstverständlichkeit, denn die Bewohnerin des Hauses am Steinnocken spricht sonst kaum noch. Klara und Gustav sind Clowns – „Kontaktclowns“, um genau zu sein. Einmal im Monat ziehen sie in ihrem Kostüm durch das Alten- und Pflegezentrum an der Steinnockenstraße und versuchen, mit den Bewohnern „Kontakt zu machen“, sie mit ihrer besonderen Form der Zuwendung zu erreichen.

Der Besuch der beiden findet im Rahmen eines groß angelegten Projekts des Ev. Johanneswerks statt, das Träger des Hauses am Steinnocken ist. „Beziehungspflege mit Humor“ heißt die NRW-weite Aktion, die mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Stiftung „Humor hilft heilen“ von Dr. Eckart von Hirschhausen durchgeführt wird.

Positives Klima erreichen

Ziel ist, positiv auf das Klima in den Einrichtungen, das heißt auf Bewohner und Mitarbeiter, zu wirken.

Klara und Gustav heißen im normalen Leben Susanne und Andreas Bentrup und sind ein Ehepaar. Beide sind für den Verein Clownskontakt aus Herford aktiv, der als Kooperationspartner bei dem Projekt im Boot ist. „Wir sind alle Schauspieler mit einer pädagogischen und einer musikalischen Ausbildung“, erklärt Andreas Bentrup.

Der pädagogische Hintergrund ist wichtig, denn sie sind keine Zirkusclowns, die vor vielen Menschen in einer Manege im Mittelpunkt stehen. Ihnen ist vielmehr wichtig, dass sie Nähe herstellen, dass sie ganz spontan aus einer Situation heraus in Kontakt mit den oft mehr oder weniger von Demenz Betroffenen kommen.

„Nicht wir sind der Mittelpunkt, sondern die Menschen, denen wir begegnen dürfen“, erklärt Susanne Bentrup. „Wir sind auch nicht darauf aus, dass die Leute lachen. Wenn sie das tun, freut es uns natürlich, aber das Wichtigste ist der Kontakt. Der kann auch sehr authentisch sein.“ Daher gehen sie auch auf einzelne Personen oder kleinere Gruppen zu, möchten sich aber nicht in großen Gruppen tummeln. Das würde doch eher den Charakter eines Auftritts bekommen.

Ganz individuell gehen Klara und Gustav auf ihr jeweiliges Gegenüber ein. „Wir improvisieren, je nach Stimmung und Gefühl, gucken, was uns die Person anbietet“, meint Susanne Bentrup. Während Gustav mit der Dame, die leise „Tulpen aus Amsterdam“ mitsingt, eben ganz behutsam umgeht, kann Klara mit dem offenen und dynamischen Mann im Rollstuhl auch ein schwungvolles Rollstuhltänzchen wagen. Und nachdem Gustav einen schönen roten Herz-Luftballon aufgepustet hat, pritschen auch zwei weitere Damen am Tisch den Ballon hin und her. Die Kontakte sind geknüpft.

Clowns sind naiv und absichtslos

Warum sind sie überhaupt als Clowns unterwegs? „Gerade für Menschen, die von Demenz betroffen sind, spielt die Figur des Clowns eine besondere Rolle“, erklärt Andreas Bentrup. Viele Ältere hätten ein positives Clownsbild. Und: „Clowns sind naiv und absichtslos.“ Das erleichtert den Zugang zu den Menschen. „Nur wenige denken, dass sie veralbert werden“, meint Andreas Bentrup.

Und so ziehen sie gut als Clowns zu erkennen, aber dezenter verkleidet, mit dem Clownsköfferchen, der Quetschkommode und der Ukulele durchs Haus. Übrigens sind beide immer zu zweit unterwegs. Das Konzept des „roten“ und des „weißen“ Clowns, des dicken und des doofen, macht es auch möglich, beispielsweise mit Mann-Frau-Klischees zu spielen.

Im März waren Klara und Gustav zum ersten Mal im Haus am Steinnocken, in dieser Woche zum zweiten Mal. Einmal im Monat für zwei Stunden werden sie fortan zu Gast sein, durch das Haus streifen und versuchen, viele „Kontakte zu machen“ und die Stimmung positiv zu beeinflussen. Zunächst sei das Projekt des Johanneswerks bis 2015 geplant, erklärt Hausleiter Thomas Rosin. Ziel sei aber, es dauerhaft zu etablieren. „Clowns in Kinderkliniken gibt es schon lange“, sagt Andreas Bentrup. Zwar gebe es sie auch in Seniorenzentren schon eine Weile, aber das habe sich noch nicht so durchgesetzt.

Das Projekt des Johanneswerks ist aber auch deshalb ein besonderes, weil es nicht nur die Clownsbesuche bei den Bewohnern umfasst. Auch die Mitarbeiter werden von Susanne und Andreas Bentrup geschult – nicht um selbst als Clowns aufzutreten, sondern um mit Humor als Katalysator der Belastung durch die oft sehr fordernde alltägliche Arbeit zu entgegenzutreten, wie es Thomas Rosin formuliert. Humorfähigkeit sei wichtig für die Resilienz, die Widerstandsfähigkeit der Seele, ergänzt Andreas Bentrup. Techniken der Clownsarbeit wie Schulung der Beobachtungsgabe, die Vermittlung und Bedeutung von Körpersprache und Humor als Entlastungsmöglichkeit vermitteln die Profi-Clowns.

Wissenschaftliche Begleitung

Darüber hinaus soll das Projekt auch wissenschaftlich begleitet werden. „Dass Clownsbesuche nachhaltig positiv über den Tag wirken, ist belegt, aber die Schulung der Mitarbeiter ist neu“, erklärt Andreas Bentrup.

Die Forscher sollen sich daher nicht nur der Frage annehmen, wie die Besuche wirken, sondern auch, wie sich die Stimmung im ganzen Haus verändert. Susanne und Andreas Bentrup hoffen, dass das „Leuchtturmprojekt“ schlussendlich auch anderen Trägern den Weg weist. „Das Ziel ist, dass andere erkennen, dass Humor nicht das Sahnehäubchen obendrauf ist, sondern das Schmiermittel für das gesamte Miteinander.“

Hartmut Breyer

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2014-04-11 21:00
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