Heilige Messe zwischen Krankenbett und Tropf

Gottesdienst zwischen Klinikfluren und Desinfektionsmittel: Auch im Krankenhaus feiert Elena Kersten mit Patienten regelmäßig die Heilige Messe. Als Altar dient ein kleiner Beistelltisch.
Gottesdienst zwischen Klinikfluren und Desinfektionsmittel: Auch im Krankenhaus feiert Elena Kersten mit Patienten regelmäßig die Heilige Messe. Als Altar dient ein kleiner Beistelltisch.
Foto: Veronika Gregull
Was wir bereits wissen
Die evangelische Pfarrerin Elena Kersten betreut als Seelsorgerin Patienten in Schwelm. Wie Religion Halt in Krisensituationen gibt.

Schwelm.. Eine Krankenschwester schiebt das quietschende Rollbett auf den Flur, zieht das zerknüllte Bettlaken ab. Ein älterer Patient schlurft in seinen schwarzen Pantoffeln über den Gang, die rechte Hand an einen Tropf gelehnt. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Aus dem Raum ganz hinten im Flur der Geriatrie im Helios Klinikum Schwelm ertönt ein Klavier. Kirchenmusik.

Messe im Krankenhaus

Stefanie Herbst spielt das Instrument, während Pastoralreferentin Claudia Buskotte in heller Kutte durch den Raum schreitet. Normalerweise dient der schlichte Saal als Aufenthaltsraum, freitagsabends feiern Patienten hier Gottesdienst. Sechs Senioren blicken von ihren Gesangsbüchern auf, als die 51-Jährige vor ihnen stehen bleibt. Einen kleinen Beistelltisch hat sie für den ökumenischen Gottesdienst mit Tischdecke, Kreuz und Zweigen in einen Altar umgewandelt.

Claudia Buskotte zeigt mit dem Finger auf die Kräuter: „Das ist der Reichtum der Natur. Auch in Krankheit steht Gott uns so mit heilenden Kräften beiseite.“ Sie führt heute zum ersten Mal durch den Gottesdienst im Krankenhaus, der katholische Seelsorger ist krank geworden. Jutta Gutsch, Jahrgang 1938, war dagegen schon öfter dabei.

„Ich finde das sehr ermutigend. Gottes Weg führt uns auch durch Trauer und Schmerz“, sagt die Seniorin und blickt auf ihren bandagierten Arm. Ihr würde viel fehlen ohne den geistlichen Beistand, sagt sie. Die einzige Tochter ist gestorben, „da klammert man sich an den Glauben, sonst verliert man den Halt.“ Nach ihrer Predigt verteilt Claudia Buskotte die Hostien. Verwirrt hält eine an Demenz erkrankte Patientin die runde Scheibe vor ihr Gesicht: „Was soll ich damit machen?“ Essen, sagt Ingrid Sprenger.

Seelsorge in jedem Alter

Die 79-Jährige arbeitet seit 20 Jahren als Lila Dame, begleitet Patienten ehrenamtlich und bringt sie auch zum Gottesdienst. „So haben die Patienten hier etwas Gewohntes aus ihrem Alltag. Selbst demente Senioren können bekannte Kirchenlieder mitsingen, das tut ihnen gut“, sagt Ingrid Sprenger.

Serie Das letzte Lied verklingt, die Patienten machen sich auf den Weg zu ihren Zimmern. Die Zweige dürfen sie mitnehmen, als „Erinnerung an Gottes Hilfe auch in Krankheit“, sagt Claudia Buskotte. Cecilie Schneider fährt in ihrem Rollstuhl den langen Flur entlang. Die 82-Jährige riecht an den Kräutern und lächelt: „Das war wirklich schön. Ich bin so lange hier, da tut es gut, in die Messe zu gehen. Mir hilft der Glaube durchzuhalten.“ Dass der Gottesdienst gerade auf der Geriatriestation abgehalten wird, hat ganz praktische Gründe. „Die meisten Besucher sind nun mal Senioren“, sagt Elena Kersten, eine evangelische Seelsorgerin im Krankenhaus. Im Wechsel mit den katholischen Kollegen hält auch sie alle zwei Wochen eine Predigt im Helios.

„Aber als Seelsorgerin sind die Patientin, mit denen ich spreche durch alle Altersklassen gemischt,“ sagt Elena Kersten. Mit schwarzem Rock und Piercing zwischen Mund und Kinn geht sie durch die Flure der Klinik zu ihrem Dienstzimmer. „Wir sind hier mittendrin, das ist super. So können wir uns besser mit den Kollegen absprechen.“ Der rote Knopf an ihrem Telefon blinkt. Bei Dienstbeginn hört sie zuerst die Anrufe ab. Ärzte oder auch Patienten selbst rufen bei dem Team der Seelsorge an, wenn sie Beistand brauchen. „Ansonsten gehe ich auch durch die Zimmer und gucke, ob jemand reden möchte“, sagt Elena Kersten. Dabei muss es nicht nur um religiöse Dinge gehen, „manche wollen einfach nicht alleine sein.“ Auch die Geburtstagskinder besucht die Seelsorgerin persönlich. „Die sind ja nicht freiwillig hier und so versuche ich sie an die fröhlichen Seiten des Lebens zu erinnern.“

Serie In schweren Zeiten steht sie den Patienten bei, hält Trauerfeiern für Kinder ab, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Die sogenannten Sternenkinder. Eine muslimische Frau hat ihr Baby verloren, Elena Kersten saß stundenlang neben ihr, hat einfach ihre Hand gehalten. „Manchmal braucht es keine Worte.“ Wenn das eigene Lebensende naht, ist für viele Patienten der Glaube wieder ein Thema. „Auch Menschen, die vorher mit Religion nichts am Hut hatten, möchten dann mit mir sprechen“, sagt die Pastorin. Andere Patienten seien dagegen tief in der Gemeinde verankert, wünschen sich ein Stück ihrer Kirche auch im Krankenhaus. So wie Sigrid Taschner.

Der große Schock

Die 80-Jährige ist mittlerweile wieder zu Hause und leitet wie gewohnt freitags das Marktcafé im Petrus-Gemeindehaus gegenüber der Christuskirche. Das Gehen fällt noch schwer, die Erinnerungen an ihre Zeit im Krankenhaus ist ganz präsent. „Ich bin zusammengeklappt und mit dem Krankenwagen in die Klinik gefahren worden. Das war ein großer Schock, aber dann stand ein Engel in der Tür“, sagt Sigrid Taschner. Mit dem Engel meint sie Elena Kersten.

Sie kannten sich schon vorher, das vertraute Gesicht gab ihr Halt in der ungewohnten Umgebung. „Wir haben viel zusammen gebetet. Das hat mir sehr geholfen“, erinnert sich die 80-jährige Schwelmerin über die Zeit mit ihrem ganz persönlichen Engel.