Haptische Powerpoint-Präsentationen

„Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz“: Timo Wopp beeindruckte das „Kultgarage“-Publikum als überheblicher Coach für alle Lebenslagen.
„Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz“: Timo Wopp beeindruckte das „Kultgarage“-Publikum als überheblicher Coach für alle Lebenslagen.
Foto: WP

Ennepetal..  Er beleidigt zweieinhalb Stunden lang das Publikum, führt sich wie der Heiland des Kommunikationszeitalters auf, in dem Form immer vor Inhalt geht, beweist seine „asoziale Kompetenz“ und jongliert ganz nebenbei mit Bällen, Keulen und brennenden Streichhölzern: Timo Wopp legte zum Auftakt der neuen „Kultgarage“-Saison im Veranstaltungsraum der Sparkasse in Milspe einen fulminanten Abend hin.

Obwohl die 130 Zuschauer im wie immer ausverkauften Saal von dem schnöseligen Anzugträger fortwährend mal ganz offen, mal sehr subtil herabgewürdigt wurden, hielt es sie am Ende nicht mehr auf ihren Plätzen. Stehende Ovationen sind auch bei einer so erfolgreichen Kleinkunst-Reihe wie der „Kultgarage“ etwas Besonderes. Natürlich bedankt ein Timo Wopp sich nicht. „Ihr habt ihm Spaß gemacht“, erhöht er sich noch einmal in der dritten Person.

Der Leidensweg eines Heilands

„Passion“ heißt das Programm des Wahl-Berliners, dessen überlebensgroßes Porträt – leicht Photoshop-optimiert – das Bühnenbild darstellt. Und es ist ein Leidensweg, den er da oben auf der Bühne durchleben muss. Er hat die Menschen und ihre Beziehungen untereinander durchschaut und blickt nun von oben auf sie hinunter. „Wenn Euch das heute Abend nicht mehr weiterbringt, dann hilft nur noch Delphin-Therapie“, erklärt der Coach für alle Lebenslagen dem Publikum, dem er zwischendurch Defizite attestiert: „Ich habe den Eindruck, die Lernkurve ist hier eine Gerade...“ Doch, wie er zugleich betont: „Zu viel Wissen ist auch ein Behinderung. Aber auch, wenn ihr nichts wisst, darf euch das nicht abhalten, eine Meinung zu allem zu haben.“

Timo Wopp, der Arbeiten für eine sehr altmodische Form der Vermögensanhäufung hält, bietet Tipps, wie man im Büro Besprechungen sprengen kann (mal die Oberlippe abklappen oder Seifenblasen durch den Raum pusten), wie man lästige Gespräche mit der Partnerin nachhaltig vemeidet (wenn sie fragt, ob ihre Figur okay ist, einfach nach einer kurzen Pause entgegnen: „.Merkst Du selber, ne?“) und wie man Kinder erziehen sollte (gibt es ein Kind, das unerklärlicherweise besser krabbelt als das eigene, dann wird halt acht Stunden lang geübt – bis zum „Baby-Burnout“).

Natürlich rückt der Egomane auch seine eigene harte Kindheit in den Blickpunkt. „Ich komme ja aus der Hausbesitzerszene“, meint er. Jura oder Medizin hätte er studieren können. „Aber ich wollte mein Geld sinnvoll verdienen und habe dann BWL studiert.“ Mittlerweile sei seine Work-Life-Balance sehr ausgewogen, „zwischen Nichtstun und andere Leute aufhalten.“

Schon mit Worten, Phrasen und plakativen Slogans jongliert Timo Wopp auf beeindruckende Weise. Doch dann holt er auch noch Kugeln und Keulen heraus und lässt diese durch die Luft wirbeln. Dazu liefert er mal eben soziologische Analysen, die er mit dem Jonglieren mühelos veranschaulicht. „Haptische Powerpoint-Präsentation“ nennt er das – wie sehr wünscht man sich, dass es das im Berufsleben statt einschläfernder Folien häufiger gäbe. Der Gipfel seiner akrobatischen Kunststücke ist, dass er eine Zigarette hinter dem Rücken hochwirft und mit dem Mund auffängt. Gleiches macht er mit einem brennenden Streichholz – um sich schließlich im Mund mit dem Streichholz die Zigarette anzuzünden. Das Publikum ist begeistert.

„Ich habe jetzt 90 Minuten versucht, über Inhalt zu kommen – und dann ist es doch die Zirkusnummer“, gibt Timo Wopp sich beleidigt. Nun ist er doch vom hohen Ross abgestiegen. „Jeder hat mal einen Tiefpunkt im Leben. Ich habe meinen in Ennepetal“, sagt er – um sich dann richtig zum Affen, besser gesagt: zum Elefanten, zu machen. Er schlüpft in ein lächerliches Elefantenkostüm, in dem er am Ende sogar mit drei Bowlingkugeln jongliert

„Ich habe stundenlang im Stau gestanden, nur um hier in Ennepetal ein paar Menschen glücklich zu machen“, hatte Timo Wopp zu Beginn erklärt. Ausuferndes Selbstvertrauen zeichnet ihn eben aus, den mehrfachbegabten Unterhaltungskünstler. Oder, wie er es selbst formuliert: „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“