Grenzenlose Ideen für eine neue Schule

Auf Einladung der Lese-Mentoren sprach der Philosoph Richard David Precht in Gevelsberg. Die Aula West war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor der Veranstaltung wurde eun Scheck in Höhe von 3000 Euro der Rossmann-Gruppe übergeben. Von links: Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi, Richard David Precht, Klaus R. Wortmann, Hans-Ulrich Hoppe, die Mentor-Bundesvorsitzende Margret Schaaf und Melanie Beinert von der VHS:
Auf Einladung der Lese-Mentoren sprach der Philosoph Richard David Precht in Gevelsberg. Die Aula West war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor der Veranstaltung wurde eun Scheck in Höhe von 3000 Euro der Rossmann-Gruppe übergeben. Von links: Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi, Richard David Precht, Klaus R. Wortmann, Hans-Ulrich Hoppe, die Mentor-Bundesvorsitzende Margret Schaaf und Melanie Beinert von der VHS:
Foto: WP

Gevelsberg..  Schlagfertig ist er. „Volksreden zu halten ist das eine, zehn Jahre eine Schule zu verändern, ist das andere“, scherzte der Philosoph Richard David Precht auf die Frage, wie er sich in der Schule seines Sohnes engagiere. Zuvor hatte der Professor in der Aula des Schulzentrums West seine Zuhörer mit Thesen für eine Schule, in der man nicht lernen muss, sondern es aus Spaß macht, gefesselt. Precht ist ein Denker, der sich nicht um die Grenzen des Machbaren kümmert und dessen Gedanken doch so einleuchtend sind, dass sie eigentlich keine Utopie sein dürfen.

Honorar nicht behalten

Precht war auf Einladung der Lesehelfer von der Gruppe Mentor und der VHS nach Gevelsberg gekommen. Büchereileiterin Stephanie Kron hatte den Wissenschaftler bei einem Treffen sozusagen zwangsverpflichtet, Klaus R. Wortmann als Chef der örtlichen Mentoren gern zugegriffen „Sie erhalten ein Honorar, sie behalten es aber nicht. Das ist eine großartige Geste“, sagte zur Begrüßung Bürgermeister Claus Jacobi. Precht stiftete seine Gage für die Gevelsberger Mentor-Gruppe. Die erhielt auch noch einen Scheck in Höhe von 3000 Euro von der Drogeriekette Rossmann, den die Mentor-Bundesvorsitzende Margret Schaaf mitgebracht hatte.

Die Aula West war bis auf den letzten Platz gefüllt. Precht ist nicht nur Wissenschaftler, er ist auch ein Begnadeter Unterhalter. Es macht keine Schwierigkeiten, ihm weit mehr als eine Stunde zuzuhören. Das ist seine Fähigkeit, die er auch von Lehrern verlangt. „Der Zugang zum Wissen hat sich dramatisch verändert“, sagt Precht. In Zeiten der Internet-Suchmaschine Google und des Online-Lexikons Wikipedia, „spielt das reine Abfragen von Wissen keine Rolle mehr.“ Aber genau das werde in der Schule gemacht. „Bulimie-Lernen“ bezeichnet er Teile des heutigen Unterrichts: „Reinfressen, ausspucken und dann wieder vergessen.“

Wenn die Schule noch eine Aufgabe habe, dann die des gemeinsamen Lernens. Die Chefs der großen Dax-Konzerne kämen nicht in ihre Positionen, „weil sie so gut rechnen können.“ Die Top-Manager würden „das soziale Schach beherrschen“. Und das könne die Schule beibringen. Precht bietet auch Lösungen an. Er ist für sechs Jahren gemeinsames Erlernen von Allgemeinwissen. Danach sollte es „statt den Strukturen einer preußischen Kaserne“ in den Schulen eine Kombination aus individuellem Lernen und Projekten geben. Mathematik könnte zum Beispiel am Computer gelernt werden. Der Schüler müsste - wie in einem Computerspiel - irgendwann einen bestimmten Level erreichen. Der Lehrer würde nur eingreifen, wenn der Teenager in eine Sackgasse geraten würde. Wer Spaß dran habe, können aber durchaus noch weit über den Level hinaus gehen.

In Projektgruppen könnten zum Beispiel Gedichte erarbeitet werden, die der Freundin zum Herz gehen. Es könnte in der Natur gearbeitet selbst Häuser errichtet werden.

Dazu bräuchten die Schulen anderes Personal: „Ein Physik-Lehrer war auf der Schule, hat studiert und ist dann wieder in die Schule zurückgekehrt. Wie soll der einem Jugendlichen erklären, wie spannend es ist, als Physiker zu arbeiten? Er hat es ja selbst noch nicht erlebt.“ Die strikte Trennung zwischen Lehrern und Praktikern müsse aufgehoben werden. Fachexperten könnten nach der Pensionierung mit in die Schule einbezogen werden.

Sportvereine gehören dazu

„Wir müssen auch zum Beispiel die Sportvereine mit in die Schulen holen, weil die Kinder keine Zeit mehr dafür haben, wenn der Unterricht beendet ist“, fordert Precht und richtet einen Appell an die an diesem Abend reichlich anwesenden Politiker: „Beziehen Sie alles, was spannend in Gevelsberg ist, in die schulische Arbeit mit ein.“

Kommen wir noch einmal zurück auf die Schule, die der Sohn von Richard David Precht besucht. Natürlich habe er den Lehrern dort schon einmal versucht, begreiflich zu machen, wie sie einen spannenden Unterricht machen könnten. Seitdem besteht sein Nachwuchs darauf, dass er nicht mehr kommt: „Er findet das voll peinlich.“