Eine glatte Note „6“ für das Stadtarchiv

Die Eingangstür des Stadtarchiv ist neu. Doch im Archiv selbst gibt es laut Bürgermeisterin Gabriele Grollmann nichts, worauf man aufbauen kann.
Die Eingangstür des Stadtarchiv ist neu. Doch im Archiv selbst gibt es laut Bürgermeisterin Gabriele Grollmann nichts, worauf man aufbauen kann.
Foto: WP

Schwelm..  Wenn die Arbeit von Politik und Verwaltung in Sachen Stadtarchiv benotet werden müsste, hätte die Kreisstadt aus Expertensicht eine glatte „6“ verdient. Strukturen sind nicht vorhanden, für die Archivalien gibt es zu wenig Platz.

Neue Strukturen aufbauen

„Es gibt zwar Uralt-Bestände, aber es fehlen Findungsmittel“, sagt Dr. Antje Diener-Staeckling. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Peter Worm vom LWL-Archivamt für Westfalen und Bürgermeisterin Gabriele Grollmann informierte sie über die Ergebnisse des Runden Tisches Archivgut. Der war zusammengetreten, um zu untersuchen, wie bei der Sichtung des Archivs archivrelevantes Material zum Wegschmeißen hatte ausgesondert werden können (wir berichteten).

Bürgermeisterin Gabriele Grollmann kündigte als Resultat vor der Presse die Gründung einer Projektgruppe „Archiv 2020“ an. Ziel sei es, bis zu diesem Jahr Strukturen aufzubauen, um ein funktionierendes Stadtarchiv vorweisen zu können. Für die Hauptausschusssitzung am 18. Februar um 17 Uhr in der Gustav-Heinemann-Schule versprach die Verwaltungschefin eine Mitteilung über den Stand der Dinge. Schon jetzt machte sie aber klar, dass es das nicht umsonst geben werde. Zur Lösung der Aufgabe würden schließlich Men-Power, Geld und würden Räumlichkeiten benötigt.

„Es gibt nichts, worauf wir aufbauen können“, sagt Gabriele Grollmann und spricht in Sache Stadtarchiv von einem Neustart bei Null und einer „sportlichen Aufgabe“. Die Führung eines Archiv ist für eine Kommune eine gesetzlich geregelte Pflichtaufgabe. Schwelm sei dieser Verpflichtung über drei Jahrzehnte nicht nachgekommen, ließ Dr. Antje Diener-Staeckling durchblicken. Versäumnisse räumt die Bürgermeisterin unumwunden ein. „Die Stadt hat keinen Archivar, der Bestände hätte bewerten können“, so Grollmann. Und das seit Jahrzehnten. Doch statt dieses Defizit abzudecken und beispielsweise in interkommunaler Zusammenarbeit und anderen Städten dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist in Schwelm jahrelang nichts dergleichen passiert. Auch externer Fachverstand wurde in all den Jahrzehnten nicht eingekauft.

Bürgermeisterin entschuldigt sich

Den Stein ins Rollen gebracht hatten Klaus Peter Schmitz und Gleichgesinnte mit einer Rettungsaktion. Bis zu 100 Kartons, die in einen Container am Haus Martfeld geworfen worden waren, wurden von ihnen vor der Vernichtung gerettet. Bei einer jetzt vorgenommenen Sichtung durch Fachleute des LWL-Archivamts für Westfalen im Haus von Klaus Peter Schmitz in der Bahnhofstraße wurde der Inhalt von 17 dieser Kartons für historisch wertvoll erachtet. Bürgermeisterin Gabriele Grollmann entschuldigte sich in aller Form für das Versagen ihrer Verwaltung und dankte Klaus Peter Schmitz ausdrücklich für die Rettung dieses „historisch wichtigen Gutes“.

Das LWL-Archivamt hatte 2013 bei einem Ortstermin im Haus Martfeld die dortigen Magazinräume begangen und Hinweise zur möglichen Bewertung von Schriftgut gegeben, sowohl von Archivgut als auch von Bibliotheksbeständen. Nach Auskunft der Fachleute seien die Akten und Unterlagen aus der Nachkriegszeit, die Klaus Peter Schmitz im Container gefunden hatte, jedoch als besonders wertvolle Quellen zur Stadtgeschichte uneingeschränkt zur dauernden Archivierung im Stadtarchiv empfohlen worden, sagt Frank Tafertshofer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in einer Stellungnahme.

Eine nachvollziehbare Erklärung, wie diese Archivalien in den Müll wandern konnten, blieb die Bürgermeisterin schuldig. In der Sitzung des Kulturausschusses hatte Grollmann lediglich „von einer Verquickung unglücklicher Umstände“ gesprochen. „Wir können im Rahmen unserer beratenden Tätigkeit nur auf Missstände hinweisen. Alles, was umgesetzt wird, ist Sache der Kommune“, sagt Dr. Antje Diener-Staeckling.

Kein zweiter Müll-Container

Klaus Peter Schmitz zieht ein positives Fazit der ganzen Rettungsaktion. „Ich bin froh, dass ich die Archivalien gerettet habe. Noch Generationen nach mir werden von diesem Material profitieren. Jetzt hat das Stadtarchiv wieder eine Lobby.“

Übrigens: Einen zweiten Container, in denen Archivalien entsorgt werden sollten, habe es laut Gabriele Grollmann nicht gegeben. Deshalb schließt die Bürgermeisterin auch aus, dass über die von Klaus Peter Schmitz geretteten Unterlagen hinaus weitere Archivalien entsorgt worden sein könnten.