Ein geheimnisvolles Wachsen und Werden

Wuppertal..  Nachdem gewiss ist, dass GMD Kamioka vorzeitig gehen wird, muss das ihm seit über 10 Jahren sehr zugeneigte Publikum von dem Gedanken Abschied nehmen, ihn für gefühlte unendliche Zeit zu behalten. Spätestens 2016 wird es eine Nachfolge geben. Bis dahin wird immer ein Abschied mitklingen, wenn er am Pult steht. Aber wie immer – so auch jetzt im 5. Sinfoniekonzert – gibt es ein volles Haus.

Eine Bruckner-Interpretation steht an. Kaum ein Komponist hat sowohl ein Gefolge von orthodoxen Verehrern sowie von eingefleischten Skeptikern samt rigorosen Ablehnern und kaum einer erfährt so viele unterschiedliche Auffassungen.

Nun also die Sechste in einer bemerkenswert schlüssigen Interpretation. Kamioka lotet den Koloss permanent aus. Eingangs schreitet er in einer Art Sonnenaufgang erst einmal das dynamische Revier ab, wo sich in der Folge zunächst freundliche Gedanken breit machen. Was dann kommt, ist ein geheimnisvolles Wachsen und Werden. Schroffen Passagen wird ihre organische Stellung zugewiesen, zerklüftete Ereignisse werden eingebunden ohne ihren Stellenwert zu verletzen. Große Steigerungen sammeln Energie und werden nicht von schnellerem Tempo befallen, breite Generalpausen „klingen“ hinüber zum nächsten Einsatz.

Alles intelligent verschnürt

Der große zweite Adagio-Satz wird zum tönenden Gebet. Und diese bis zu siebenfachen dröhnenden Bekräftigungen derselben Phrase im vollen Blech, die Brucknergegnern so zu schaffen machen, lässt Kamioka kommen, sich entfernen, wieder nähern und zum dynamischen Ereignis werden.

Das ist etwas für alle, denen Bruckner nicht die Bibel sondern geniale Musik ist. Alles wird intelligent verschnürt. Nie zerbröselt die Form. Und erst nach über einer Stunde mit den letzten Takten kulminiert der Klang zur Riesenorgel. Ganz großes Kompliment, - auch an die engagierten Orchestermusiker.

Die hatten zuvor Prokofjews Violinkonzert auf den Pulten, um die niederländische Geigerin Liza Ferschtman zu begleiten. Sie ist eine Virtuosin, die aus der warmer Tiefe ihren Instrumentes heraus gestaltet. Entsprechend groß ist der Klang und entsprechend ideal ihre Besetzung vornehmlich für den wunderschön sanglichen 2. langsamen Satz. Da schwelgt die Geige überirdisch schön über der zupfenden Begleitung des Orchesters und spielt ihren Part leidenschaftlich und emotionssicher aus. Der Satz geht dann so aus, dass die Celli die Geigenmelodie haben und die Violine zupft dazu. Die schnelleren Ecksätze spielt Liza Ferschtman ebenso intensiv, hingebungsvoll und virtuos, aber nicht raffiniert genug, um den Witz, den Prokofjew vor allem im Schlusssatz versteckt hat, hervorzulocken. Nicht immer ganz optimal ist das Zusammenspiel mit dem Orchester aber hervorragend die Klangbalance. Als Zugabe gibt es einen innigen langsamen Satz einer Bach-Solosonate.