Die Zahl der Pflegefälle steigt in Zukunft an

Eine Pflegekraft (l.) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.
Eine Pflegekraft (l.) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.
Foto: dpa

Ennepe-Ruhr..  In den nächsten sechs Jahren werden im Ennepe-Ruhr-Kreis aus heute rund 10 600 über 12 200 Pflegebedürftige werden, bis 2030 rechnen die Experten sogar mit knapp 13 000. Im Zusammenspiel mit der sinkenden Bevölkerungszahl heißt das: Während heute 3 von 100 Menschen Pflege benötigen, dürften es 2030 mehr als 4 von 100 sein. Nachzulesen ist dies im aktuellen Pflegebericht der Kreisverwaltung.

Aktuell gibt es zu viele Heimplätze

Die auf 24 Seiten zusammengetragenen Daten und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen liefern wichtige Hinweise für die künftige Arbeit sowie die Grundlage für Konzepte, die Zukunft haben. Dies gilt beispielsweise für folgende Erkenntnis: Die Zahl der alten Menschen, die von Angehörigen und Pflegediensten zu Hause versorgt werden, ist im Vergleich zum ersten Pflegebericht aus 2010 deutlich gestiegen. Die Nachfrage nach Heimplätzen und der damit verbundenen vollstationären Versorgung ist hingegen geringer als noch vor drei Jahren angenommen. Wörtlich heißt es: „Einem Anstieg von 15 Prozent bei der Zahl der Pflegebedürftigen steht ein Plus von nur 9 Prozent bei der vollstationären Versorgung gegenüber. Da diese Entwicklung auch landes- und bundesweit zu beobachten ist und anhalten soll, wird ein weiterer Ausbau der vollstationären Versorgung im Ennepe-Ruhr-Kreis nicht notwendig sein.“

Ende 2012 gab es zwischen Breckerfeld und Herdecke, Hattingen und Witten in 42 Heimen insgesamt 4 002 Plätze, davon genutzt wurden nach Angaben der Einrichtungen 3 630. Mit anderen Worten: 9 von 10 Plätzen waren vergeben. In den einzelnen Städten schwankten die Quoten zwischen 83 (Schwelm) und 98 (Herdecke) Prozent. Für 2020 prognostiziert der Bericht jetzt einen Bedarf von 3 610 Heimplätzen, 2030 sollen 3 860 erforderlich sein.

„Zu Ende gerechnet heißt das: Während heute gut 7 000 Menschen zu Hause gepflegt werden, dürften es 2030 mit 9 200 gut 2 200 mehr sein. Der Anteil der stationären Pflege sinkt damit von heute mehr als 33 auf unter 30 Prozent“, macht Elke Zeller, Pflegekoordinatorin des EN-Kreises, deutlich. Als Ursachen für die Verschiebung nennt der Bericht ein Zusammenspiel aus Kostengründen, verbesserten Beratungsangeboten für die häusliche Pflege sowie dem verbreiteten Wunsch vieler Betroffener, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben zu können. Mit dieser Verschiebung sind Herausforderungen verbunden.

„Wir müssen den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen mehr denn je mit Rat und Tat, Hinweisen zu Fördermöglichkeiten und Ansprechpartnern zur Seite stehen“, skizziert Landrat Dr. Arnim Brux eine zentrale Aufgabe. Daher habe der Kreis in Zusammenarbeit mit den Städten bereits vor Jahren flächendeckend Beratungsstellen eingerichtet. In allen neun Städten stehen den Bürgern unabhängige Fachkräfte zur Verfügung. „Allein 2012 gab es mehr als 2.200 Anfragen und mehr als 550 umfangreiche Beratungen“, nennt Zeller Zahlen.

Alternative Wohnformen

Um das Plus an häuslicher Pflege bewältigen zu können, gilt es zudem, dem Kräftemangel in diesem Bereich entgegenzusteuern. Mit dem „Bündnis Pflege“ und in Zusammenarbeit mit Fachseminaren der Altenpflege, der Arbeitsagentur, dem Jobcenter EN und Akteuren aus ambulanter und stationärer Pflege versucht der Kreis beispielsweise, Wiedereinsteiger und Berufsrückkehrer sowie Schulabgänger für Pflegeberufe zu gewinnen. „Mit Veranstaltungen sowie der Präsenz auf Ausbildungsmessen versuchen wir hier Erfolge zu erzielen“, berichtet Zeller.

Allerdings - auch darauf weist der Bericht hin - könne heute niemand sagen, ob sich das Mehr an häuslicher Pflege angesichts des demografischen Wandels und des abnehmenden familiären Pflegepotenzials für zukünftige pflegebedürftige Menschen tatsächlich realisieren lasse. Als Alternativen werden ambulante betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz sowie Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige sowie eine gute, auf Ältere und Pflegebedürftige ausgerichtete Infrastruktur in den jeweiligen Wohnquartieren angeregt.