Die wahren Griechen

Haushaltslage. Schwelmer sind doch die wahren Griechen. Haarsträubend verschuldet bis weit über jeden Verstand und Anstand hinaus – aber das Feiern, ja, das Feiern soll bitteschön weiter gehen. Deutlich wie selten hob jetzt der Lokalteil Ihrer Zeitung die Schizophrenie unserer Stadt heraus. Auf Seite 3 steckte der Kommentar unter der Überschrift „Vierteljahrhundert Mißwirtschaft“ erstaunlich offen den Finger tief in die Wunde, indem er unverblümt und schonungslos mehrere Generationen von Stadtparlament, Bürgermeistern und Verwaltung für den wirtschaftlichen Ruin Schwelms verantwortlich machte.


Für diese mutigen Worte Respekt! Wenn sie auch natürlich nur die halbe Wahrheit sind. Denn die Richtung, die Schwelm in seiner Politik und seinen Entscheidungen über Jahrzehnte genommen hat, kam immer aus der Tiefe der Gesellschaft heraus, nie waren Parlament und Bürgermeister etwas anderes als der Spiegel der herrschenden Haltung und Kultur in der Stadt. (...)


Für den Kommentar vom „Vierteljahrhundert Mißwirtschaft“ hätte man noch vor wenigen Jahren Ihren leitenden Lokalredakteur wohl am Maibaum auf dem Bürgerplatz aufgeknüpft. Denn in ihrer Gemütlichkeit und Selbstgefälligkeit wollte sich die Stadt jahrzehntelang von niemandem stören lassen. Und wie um dieses zu beweisen, findet sich im selben Lokalteil, jetzt auf Seite 1, die feierliche Meldung, dass das Schwelmer Heimatfest auch in diesem Jahr 2015 öffentlich finanziert bleibt, egal was es kostet, egal wer es bezahlt, egal wer oder was nach uns kommt und in unseren Schulden erstickt.


Es wäre doch endlich Zeit, dass einmal Besinnung und Verantwortung in dieser Stadt einkehrten. Als hundert- und tausendfacher Schuldner kann man sich nicht guten Gewissens eine eigene Großparty finanzieren. Mag das Motiv der Heimatliebe noch so edel sein. Selbst wenn dafür nur ein einziger städtischer Euro auszugeben wäre, auch dieser einzige Euro dürfte es nicht sein. Denn viel mehr als um die faktische Ausgabe geht es doch um die Bereitschaft, die eigene Situation endlich einmal zu verstehen und anzuerkennen. Natürlich will niemand den wahren Heimatbegeisterten ihren Wunsch nehmen, einmal im Jahr die eigene Stadt hochleben zu lassen. Dafür ist aber unter Garantie nicht ein einziger öffentlicher Euro Voraussetzung. Wenn das Fest eine Nummer kleiner ausfallen sollte, oder gar mehrere Nummern kleiner, gerne, nur bitte endlich auf dem Boden von Anstand und Ehrlichkeit.


Hallenbad, Stadtbücherei, Musikschule, Sport und so vielerlei schöne Dinge der angenehmen Lebensqualität mehr, sie alle waren und sind noch immer heilige Privilegien in Schwelm. Darauf haben wir doch ein gottgegebenes Anrecht, das hat man uns doch nun wirklich zu bezahlen. Kommt einem bekannt vor? Kommt es! Wohl von nirgendwo dürfte heute den Griechen mehr herzliches Verständnis entgegenströmen als aus dem kleinen, stolzen und selbstbewussten Örtchen Schwelm am Rande Westfalens.