Die Streitschlichter der Stadt

Der alte und der neue Schiedsmann für den Bezirk III. Peter-Ludwig Spangenberg (r.) gibt das Amt an Gerd Rudi  Will weiter. Ihm zur Seite steht Klaus Wortmann (l.), Schiedsmann für den Bereich Stadtmitte.
Der alte und der neue Schiedsmann für den Bezirk III. Peter-Ludwig Spangenberg (r.) gibt das Amt an Gerd Rudi Will weiter. Ihm zur Seite steht Klaus Wortmann (l.), Schiedsmann für den Bereich Stadtmitte.
Foto: WP

Gevelsberg..  Gerd Rudi Will hat 40 Jahre lang als Fahrschullehrer gearbeitet. Ihn kann so leicht nichts mehr aus der Fassung bringen. Gute Nerven braucht er auch, wenn er zwei Streitende vor sich sitzen hat und sie als Schiedsmann irgendwie wieder zusammenbringen will. Am 7. April wurde er vom Amtsgericht für den Bezirk III bestätigt. Zwei Tage später landete bei ihm bereits der erste Nachbarschaftsstreit.

Morgen treffen sich die beiden Kontrahenten an einem Verhandlungstisch im AWo-Zentrum am Brandteich. „Ich wollte, dass es ein runder Tisch ist“, sagt er. Nicht nur aus symbolischen Gründen. Wenn beide Parteien sich gegenüber sitzen, können sich die Fronten leicht verhärten. Und genau das ist fehl am Platz, wenn man sich beim Schiedsmann trifft. Gerd Rudi Will sieht sich als Moderator beim Vertragen, „schlichten statt richten“ steht auf seiner neu gedruckten Visitenkarte.

Es hatte mehrere Bewerber für den Posten von Peter-Ludwig Spangenberg gegeben, der altersbedingt aufhören muss. „Bei 70 Jahren gibt es leider eine Altersgrenze“, erklärt Bürgermeister Claus Jacobi.

Mehrere gute Kandidaten hätten sich beworben, doch es gibt nur drei Schiedsleuten für Gevelsberg. Die Erfahrung hat für den 64-jährigen Gerd Rudi Will gesprochen. Er war zehn Jahre im Betriebsrat, acht davon als Vorsitzender. Knifflige Situationen, bei denen Fingerspitzengefühl notwendig sind, hat er als gerichtlich bestellter Betreuer erlebt. Außerdem arbeitete er bis zu seiner Pensionierung im November 2009 als pädagogischer Mitarbeiter in einer Fortbildungsakademie der Erwachsenenbildung. Mit Menschen umgehen können, das mache einen guten Schiedsmann aus, so Jacobi.

Ohne finanzielles Risiko

Einen wie Peter-Ludwig Spangenberg. Zehn Jahre kümmerte er sich um die Angelegenheiten anderer Leute: den Menschen aus Asbeck, Börkey, Bruchmühle und Silschede. 90 Fälle landeten in dieser Zeit auf seinem Tisch. Konflikte, bei denen die Situation festgefahren war, man beim Schiedsmann Hilfe suchte. „Früher sei der Wille größer gewesen, sich zu vertragen“, sagt er. Da hätte er bei acht von neun Fällen einen Kompromiss finden können. Doch mit der Zeit habe er den Eindruck bekommen, dass die Bereitschaft, sich zu vertragen, abgenommen habe. Dann müsse leider das Kreuzchen bei „keine Einigung“ gemacht werden, und der Fall landet vor Gericht.

„Sich an den Schiedsmann zu wenden, ist ohne großen Aufwand und mit keinem finanziellen Risiko verbunden“, weiß Klaus Wortmann aus Erfahrung. Er ist Schiedsmann für den Bezirk I, Stadtmitte. Eigentlich müssten viel mehr Menschen diese Möglichkeit in Anspruch nehmen, sagt er. Doch es würden eher weniger als mehr.

Gerd Rudi Will glaubt, dass viele gar nicht mehr wissen, dass ein Schiedsmann beim sprichwörtlichen Zwist im Treppenhaus helfen kann. Aber nicht nur da. Auch bei Beleidigungen, leichtere Körperverletzungen, übler Nachrede, oder was sonst alles so zwischenmenschlich geschehen kann und ohne große strafrechtliche Relevanz ist, ist das Büro eines Schiedsmannes oft die richtige Adresse. „Vorausgesetzt die beiden Parteien einigen sich darauf, dass sie es überhaupt versuchen wollen“, weiß Peter-Ludwig Spangenberg.

Nach einem Prozess sei der Streit zwar auch geklärt, doch vertragen hätten sich die beiden Seiten meist nicht, betont Peter-Ludwig Spangenberg. Das beste sei deshalb für ihn immer gewesen, wenn die Kontrahenten am Ende sich wieder grüßen oder sogar man wieder einen Kaffee zusammen trinken geht. In einem Fall traf er den Schiedsspruch, dass die beiden Streithähne, ein Westfale und ein Rheinländer übrigens, sich am Ende mit einer Kiste Bier und einem Fass Kölsch zusammensetzen.

In wieweit sich die Freundschaft wieder vertieft hat, das weiß Spangenberg nicht. Das habe er in den vergangenen zehn Jahren als Schiedsmann immer sehr bedauert. „Man weiß nicht, wie es nach dem Schiedsspruch weitergeht.“ Eins steht fest, für den erzielten Vergleich gibt es einen Titel, der 30 Jahre lang vollstreckt werden kann.

30 Jahre lang währt übrigens auch der Streit, den Gerd Rudi Will heute schlichten will. „Jetzt wird es wirklich Zeit, dass der Konflikt beigelegt wird.“ Dafür will der neue Schiedsmann heute sorgen. Und auch dafür, dass alle mit einem besserem Gefühl den Tisch wieder verlassen.