„Die Menschen müssen wieder zu sich finden können“

Schwelm..  Im Jahr 2008 beschloss die Stadtverwaltung, die Sammelunterkunft in der Haßlinghauser Straße aufzulösen, umgesetzt wurde diese Entscheidung 2009. Seitdem erfolgt die erstmalige Unterbringung von Asylbewerbern in Schwelm in der Regel in städtischen Wohnungen, bevor sie in Wohnungen des freien Marktes eine neue Heimstatt finden.

Der städtische Fachbereich Familie und Bildung geht diesen Weg bewusst und mit guten Ergebnissen, wie die Stadt betont. Bürgermeister Jochen Stobbe: „Ganz offensichtlich kommt dieses Modell dem Bedürfnis der vielfach erschöpften Menschen entgegen, die erst einmal wieder zu sich finden müssen. Das ist in Sammelunterkünften ohne Privatsphäre kaum möglich“.

131 Asylbewerber leben in Schwelm

Dass das Modell weitgehend funktioniert, verdankt sich der langen und vertrauensvollen Zusammenarbeit von Stadt und privaten Wohnungsanbietern. Peter Eibert, Leiter des Fachbereichs Familie und Bildung: „Im Gespräch mit Immobilienbesitzern ist über Jahre ein dichtes Netz entstanden, das hält und trägt. Dafür sind wir sehr dankbar“.

Sabine Stippel-Fluit, Leiterin des Sachgebietes Soziales, ergänzt: „Die Wohnungen verfügen über die notwendige Grundausstattung. Zur Zeit betreuen wir im wirtschaftlichen Bereich 131 Menschen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Aktuell befinden sich 80 von ihnen im laufenden Asylverfahren; bei den restlichen 51 Personen handelt es sich um geduldete Asylbewerber“.

„Die Einzelpersonen, Mütter mit Kindern, Ehepaare und Familien“, so Ralf Schweinsberg, Beigeordneter, Sozialdezernent und Kämmerer, „kommen aus Syrien und dem Iran, Albanien und Afghanistan, Algerien und Guinea, der Russischen Föderation und Bangladesch, Serbien und Ägypten, Eritrea und dem Kosovo“.

Begleitet werden sie im neuen Umfeld von Musa Altundag vom städtischen Fachbereich Familie und Bildung, der in Düsseldorf Sozialarbeit und Sozialpädagogik studiert. Er ist ein Ansprechpartner, dem die Menschen vertrauen und dem sich viele öffnen.

Gewalt und Verfolgung

Musa Altundag weiß, was die Menschen bis zu ihrem Eintreffen in Schwelm erlebt haben. Ja, es gebe Männer und Frauen, die der Armut im Heimatland wegen kämen; aber eben auch die, die vor Gewalt und Verfolgung geflüchtet seien: „Ich kenne einen jungen Mann in Schwelm, der eine Bootsflucht mitgemacht hat, zuletzt ohne Besatzung, Essen und Trinken“.

Andere Asylbewerber hätten beinahe zwei Jahre Flucht in Etappen hinter sich. Als M. Altundag einen Schwelmer Asylbewerber einmal im Krankenhaus besuchte, habe der vor Dankbarkeit geweint, denn: „Viele rechnen nicht damit, dass man sich um sie kümmert“.

Musa Altundag begleitet die Menschen auf ihrem Weg zum Bürgerbüro, zur Sparkasse und zur Ausländerbehörde, unternimmt mit ihnen einen informativen Stadtrundgang, hilft beim Umgang mit amtlichen Schreiben und stellt die Asylbewerber beim Bezug einer Wohnung den Nachbarn vor.

Er hat ein Willkommenspaket geschnürt mit den wichtigsten Informationen. Dazu gehört auch der Stadtplan, in dem grundlegende Einrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten sowie die Arztpraxen markiert sind. Eine Liste führt die 100 wichtigsten Wörter in deutscher Sprache und in der Sprache der Neu-Schwelmer auf. Kindern bringt er Spielzeug mit, denn das seien kleine Gesten, die zeigen würden: „Ihr seid willkommen!“

Menschen sind oft gut qualifiziert

Die Kinder besuchen Schwelmer Kindergärten und Schulen. Sie lernen schnell Deutsch und dolmetschen zum Teil sogar schon. Asylbewerber können vielfach auf eine Ausbildung und einen Beruf verweisen, gerade Menschen aus dem Iran und Syrien weisen Universitätsabschlüsse vor und haben vor ihrer Flucht ein gutbürgerliches Leben als Lehrer oder Journalistinnen geführt.

Bürgermeister Jochen Stobbe erklärte dazu: „Diese Menschen haben nicht flüchten wollen, sondern flüchten müssen. Sie haben alles verloren, und in vielen wirkt die Angst vor Übergriffen nach. Sie brauchen unser Verständnis“. Musa Altundag befürwortet den Weg der Stadt Schwelm, die Asylbewerber dezentral unterzubringen: „Viele dieser Menschen sind zerbrechlich. Darum ist das geschützte private Umfeld einer eigenen Wohnung so wichtig“, so Altundag.