Die Kunst, mit einem Traumergebnis gut zu schlafen

Seine Mitarbeiter schenktenClaus Jacobi eine 88-Prozent-Torte.
Seine Mitarbeiter schenktenClaus Jacobi eine 88-Prozent-Torte.
Foto: WP

Gevelsberg..  In Geevlsberg ist die Sache klar. Der Bürgermeister wurde mit dem Rat im alten Jahr gewählt. Und das mit einem Ergebnis, das sogar den Gewinnern schon ein wenig peinlich ist.

63,5 Prozent ist das mit Abstand beste Ergebnis für die SPD bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen. Und dabei ist das aus lokaler Sicht sogar noch ein schlechtes Ergebnis für die Partei. Schließlich erreichte der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, der alte und neue Bürgermeister Claus Jacobi, stolze 88 Prozent - also immerhin 15 Prozent mehr als seine Partei.

Wenn man sich in Schwelm oder auch Ennepetal klare Verhältnisse wünscht: So sehen sie aus. Hubertus Kramer, Stadtverbandsvorsitzender und Landtagsabgeordneter der SPD, kommentierte das in der Wahlnacht noch mit den Worten: „Solch ein System ist nicht gesund. Das sage ich ausdrücklich als Gewinner des Abends.“ Jacobi kann also im kommenden Jahr beruhigt in die Nachbarstädte blicken, wenn dort die Kandidaten zur Wahl zum Stadtoberhaupt antreten. Der Vorzeige-Politiker der lokalen SPD hatte sich entschlossen, bereits ein Jahr vorher anzutreten und damit alles richtig gemacht. Weil die Opposition auch gleichzeitig alles falsch gemacht hat, was sie auch nur falsch machen konnte, war das Ergebnis der Wahl eigentlich keine große Überraschung mehr.

Keinen CDU-Gegenkandidaten

Die Christdemokraten hatten sich entschlossen keinen Gegenkandidaten gegen Jacobi aufzustellen, weil der sowieso keine Chance gehabt hätte und auch das entsprechende Personal fehlte. Das war schon die Kapitulationserklärung. Parteivorsitzender Wieland Rahn überraschte dann die Gevelsberger mit dem Entschluss, Claus Jacobi bei den Wahlen zu unterstützen. Das sei ein Teil des von seiner Partei propagierten Schulterschlusses für die Stadt. Nur: Der Christdemokrat hätte seinen sozialdemokratischen Spitzenkandidaten wenigstens vorher informieren, wenn nicht fragen sollen. Nicht nur Jacobi reagierte gereizt – selbst Stammwähler der CDU schüttelten den Kopf. Die Christdemokraten kleisterte die Stadt mit Plakaten voll, konnte aber trotzdem ihre Positionen nicht klar machen. Der Wähler strafte die größte Oppositionspartei mit 18,8 Prozent ab.

Nachdem Wahlverlierer Wieland Rahn persönlich in den Rat eingezogen ist, wurde der Ton von beiden Seiten weitaus schroffer. Konsequenzen sind bei den Christdemokraten nach dem Wahldesaster nicht zu erkennen. Die Partei engagiert sich lieber mit Hilfsaktionen im humanen als im politischen Bereich.

Wenig Verständnis hatten auch die Wähler für Entscheidung der Freien Wähler (FWG) und der FDP auf einer gemeinsamen Liste anzutreten. Als Ziel wurde ausgegeben, die zweitstärkste Fraktion im Gevelsberger Rathaus zu werden.

Der Versuch, die Kräfte zu bündeln, endete mit einem Wahlergebnis von 6,5 Prozent. Das sind stolze 5,9 Prozent weniger als beide Parteien bei der Wahl davor zusammen erreicht hatten. Die Bürgermeister-Kandidatin der Liste, die FWG-Vorsitzende Martina Dietz, kam immerhin auf 8,4 Prozent. Die Linken konnten wenigstens einen halben Prozentpunkt und die Grünen 0,2 Prozent zulegen.

Bei den Beratungen zum Haushalt für das kommende Jahr war nicht zu erkennen, dass sich eine der Oppositions-Parteien ins Zeug wirft, an den Machtverhältnissen etwas zu ändern. Da war eine Menge politische Routine in den Reden aller Fraktionsvorsitzenden. In den Fachausschüssen wurden nicht die Sachargumente auf den Tisch gelegt, um den Haushalt bei der entscheidenden Ratssitzung vor Weihnachten abzulehnen.

Dabei kann Gevelsberg nur noch im neuen Jahr Luft holen. 2016 muss dann der Rotstift herausgeholt und an der Steuerschraube gedreht werden. Zwei Millionen Euro müssen her oder eingespart werden, damit der Gevelsberger Stadtrat Herr in der eigenen Stadt bleibt. Claus Jacobi hat sich im Wahlkampf eine deutliche Mehrheit gewünscht, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Der Wähler hat ihm „einen unglaublichen, schwindelerregenden Vertrauensbeweis“ gegeben, wie er selber sagt. Der Wahlsieg ist auch eine große Verpflichtung. Und nicht nur bei Niederlagen, auch bei hohen Siegen stehen Politiker ziemlich einsam da.