Die Hindernisse im Nahverkehr

Selbst an den AWo-Behindertenwerkstätten in Asbeck ist die Haltestelle nicht behindertengerecht.
Selbst an den AWo-Behindertenwerkstätten in Asbeck ist die Haltestelle nicht behindertengerecht.
Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg..  Das Ziel ist hoch gesteckt. Bis 2022 soll der öffentliche Nahverkehr barrierefrei für Behinderte zu nutzen sein. Allein im Ennepe-Ruhr-Kreis gibt es 1800 Haltestellen, von der die überwiegende Zahl komplett umgebaut werden müsste. Dafür wird das Geld fehlen, darin waren sich alle Teilnehmer des Gesprächskreises von Menschen mit Behinderungen und Vertretern der Stadtverwaltung im Rathaus einig.

Rücksicht ist kostenlos zu haben

Das Thema öffentlicher Nahverkehr war der einzige Tagesordnungspunkt. Das hatte einen konkreten Grund, so Bürgermeister Claus Jacobi. Der Nahverkehrsplan muss vom Ennepe-Ruhr-Kreis fortgeschrieben werden. „Das ist so eine Art Bestellformular für den öffentlichen Nahverkehr“, sagt Jean-Marc Stuhm, der für das Büro Stadt-Verkehr in Hilden arbeitet. Er kümmert sich darum, dass die Belange der Menschen mit Einschränkungen dabei berücksichtigt werden. Seine Botschaft: Es wird keine Komplettlösung geben, es müssen Prioritäten gesetzt werden. Um die zu finden, suchte er in Gevelsberg als dritter Stadt im Kreis das Gespräch mit Betroffenen.

Wie wenig im Nahverkehr an die Belange der Behinderten früher gedacht wurde, zeigt überdeutlich das Beispiel der Behinderten-Werkstätten der Arbeiterwohlfahrt (AWo) in Asbeck. An der Neuenländer Straße müssen die Menschen quasi ins Feld aussteigen. „Zu Stoßzeiten warten da 30 bis 40 Personen aus unseren Werkstätten auf einen Bus“, sagt Werkstatt-Leiter Michael Stecken. Und für die ist wirklich kein Platz. Stecken will niemanden einen Vorwurf machen, hofft aber, dass bei der Fortschreibung des Nahverkehrsplans darüber nachgedacht wird, wie die Situation verbessert werden kann.

Den Behinderten entgegen kommen könnten die Verkehrsbetriebe auch ohne großen Geldeinsatz. „Was nutzt eine behindertengerechte Haltestelle, wenn der Busfahrer nicht so nah daran fährt, dass wir mühelos einsteigen können?“, wurde in der Runde gefragt. Niederflurbusse, die von Fahrern nicht abgesenkt würden, stellten ein Hindernis da. Manchmal starte ein Fahrer so schnell wieder nach einem Halt, dass ein Mensch mit eingeschränktem Bewegungsablauf Mühe habe, in der Zeit das Fahrzeug zu verlassen. Fahrradfahrer und Eltern mit Kinderwagen würden die Stellplätze in den Bussen belegen: „Wo bleibt der Platz für die Rollstuhlfahrer?“

Jean-Marc Stuhm, selbst behindert, warb auch für eine Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben: „Wenn man mit vier Rollstühlen zu einer Haltestelle kommt, dann kann man da vorher auch einmal anrufen.“ Und: „Moderne Fahrzeuge müssen nicht nur den Anforderungen der Behinderten entsprechen. Sie sollen auch klimaneutral sein.“ Unterschiedliche Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden.