Die alten Meister werden mehr als lebendig

Der Pianist Grigory Gruzman spielte auf Einladung der Konzertgesellschaft Gevelsberg im Zentrum für Kirche und Kultur.
Der Pianist Grigory Gruzman spielte auf Einladung der Konzertgesellschaft Gevelsberg im Zentrum für Kirche und Kultur.
Foto: WP

Gevelsberg..  Die Kritiker und Zuschauer in der Klassiker haben das Wort „Ereignis“ schnell bei der Hand. Aber im Falle des Konzertes des Pianisten Grigory Gruzman im Zentrum für Kirche und Kultur ist es am richtigen Platz. Der präsentierte seinen Zuhörern die ganze Bandbreite der Klaviermusik. Von Mozart über Haydn, Beethoven und Chopin bis zu Gershwin und Friedrich Gulda. Mit den Kompositionen des österreichischen Pianisten machte Gruzman dem Publikum ein beeindruckendes Geschenk.

„Ich freue mich nach Gevelsberg zu kommen, weil es Gevelsberg ist“, verteilte der Mann am Piano zu Beginn des Konzertes Komplimente. Bei seinen ersten Besuch sei er noch ein wenig skeptisch gewesen: „Wie ist die Akustik? Nicht jeder Konzertsaal hat auch einen Bösendorf-Flügel.“ Bei seinem Konzert habe er gemerkt: „Das Publikum geht mit mir. Ich gehe mit dem Publikum.“ Die Basis für eine Wiederholung durch eine Einladung der Gevelsberger war also gelegt.

Wenn Grigory Gruzman auf der Bühne steht, dann ist das mehr als ein Konzert. Er erklärt seinem Publikum die Menschen hinter den Stücken, ihre musikalischen Ideen, die sie unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten mit sich bringen. So entsteht im Kopf ein Bild von den alten und nicht so alten Meistern. Gruzman belehrt sein Publikum nicht, er unterhält es. Zu Wolfgang Amadeus Mozart sagt er: „Er ist nur 35 Jahre alt geworden, allein das Abschreiben seiner Werke würde so lange dauern.“ Über Joseph Haydn: „Seine missglückte Ehe hat ihm viel Zeit für die Musik gelassen.“ Zu Ludwig van Beethoven weiß er: „Bei einigen seiner Kompositionen hat der Zuhörer das Gefühl, da fehlt eigentlich ein höherer oder noch tieferer Ton. Er hat damit die Klavierbauer seiner Zeit dazu animiert, immer größere Instrumente zu bauen.“

Bei Frédéric François Chopin müsse sein Spiel klingen, als müsse die Halle in sich zusammen fallen: „Ich werde das für sie versuchen, ohne vernünftige Grenzen zu überschreiten.“ Versuch ist ein Wort, das Grigory Gruzman an diesem Abend oft gebraucht. Wenn er seine Interpretation der Meister ankündigt, die er so respekt- und liebevoll auf den Tasten behandelt, dann sagt er wiederholt: „Es kann sich hierbei nur um einen Versuch handeln.“

Aber, was für einen. Und damit zu Friedrich Gulda, dem Pianisten, der die Ernste Musik alles andere als ernst genommen hat, sich für tot erklären ließ, um die Nachrufe über sich zu lesen oder sein Publikum schon einmal absichtlich mit falschem Spiel vergraulte. Dass er auch Kompositionen hinterlassen habe, sei zum größten Teil unbekannt. Er Gruzman, habe das Werk des Österreichers für sich entdeckt, „aber es schien mir unspielbar zu sein“. Dann habe er es versucht: „Und es ging doch“. Schließlich wollte er es auf die Bühne bringen und habe sich überlegt, wie das Publikum reagieren werde: „Hoffentlich hat keiner Tomaten und faule Tomaten mitgenommen.“ Im Gegenteil: Es gab Bravo-Rufe.

Die Kompositionen von Friedrich Gulda sind ein musikalisches Kraftwerk. Eigentlich darf man bei diesen Tönen nicht still im Konzertsessel sitzen, sie reißen einen vom Stuhl. Und das vor allen Dingen in der Interpretation von Grigory Gruzman. Wie sagte er noch? „Es kann sich hierbei nur um einen Versuch handeln.“ Dann versuchen Sie es bitte noch einmal... Die zweieinhalb Stunden auf der Bühne in Gevelsberg waren noch nicht genug.