Der x-te Frühling eines echten Milsper Jungen

Wenn Karl-Heinz Otto seinen Fan-Schal der Schalker trägt, dann hat er Freizeit.
Wenn Karl-Heinz Otto seinen Fan-Schal der Schalker trägt, dann hat er Freizeit.
Foto: Gerhard Klee

Ennepetal..  „Wer alt ist, gehört nicht auf ein Abstellgleis“, sagt Karl-Heinz Otto vom Haus am Steinnocken. So sahen es wohl auch die Bewohner des Alten- und Pflegeheims und wählten ihren Mitbewohner, inzwischen 87 Jahre alt, erneut in den Heimbeirat (drei Männer, zwei Frauen) weiterhin als 1. Vorsitzenden.

Nach zwei Bandscheiben-Operationen wurde er vor fünf Jahren pflegebedürftig. Zunächst war er eine Zeit lang bettlägerig. Aber die Schwestern und Pflegekräfte schafften es, und dafür ist er so dankbar, dass er sich bald im Rollstuhl bewegen konnte. Dann entdeckte er seine Kämpfernatur. Nach und nach ging es ihm besser. Er bewegte sich im Haus in allen Wohnbereichen, nahm wieder am täglichen Leben teil, wie an den zahlreichen Veranstaltungen, die das Heim anbietet.

Doch das reichte ihm nicht, er wollte mehr. So kam es, dass ihn die Mitbewohner schon vor drei Jahren in den Heimbeirat wählten.

Über alte Zeiten sprechen

Wer öfter durch das Eingangsportal geht, kommt nicht selten an Karl-Heinz Otto vorbei. Oft allein, aber auch mit Mitbewohnern, verbringt er dort mehrere Stunden täglich, wenn es denn die Tagesform erlaubt. Bereitwillig gibt er Auskunft, ist Wegweiser, hilfsbereit. „Mir fehlt nur noch die Portiers-Mütze, dann bin ich zufrieden.“ Und da Karl-Heinz Otto ein echter „Milsper Junge“ ist, freut er sich, alte Mitstreiter und Bekannte zu treffen. Dann sprudelt es aus ihm heraus, wenn über alte Zeiten gesprochen wird.

In einem Haus an der Voerder Straße erblickte er das Licht der Welt, gegenüber des früheren Tapetenhauses Karl Schaake (Ecke Berninghauser Straße/Voerder Straße) So liegt naturgemäß der Schwerpunkt bei den Geschichten aus alten Zeiten im Bereich der Voerder Straße. Gern erinnert er sich auch an seine Schulzeit in der Harkortschule, dabei sind ihm seine Lehrkräfte wie Helene Hövelmann, Else Regeniter oder Oskar Hagen scheinbar noch allgegenwärtig.

Sein Taschengeld schon als Schüler aufzubessern, gab es in seinem Wohnbereich reichlich Möglichkeiten. Die Firma Karl Schaake bekam die rote Fußbodenfarbe, wie sie in der Nachkriegszeit in vielen Wohnungen und Treppenhäusern verwendet wurde, nur in Fässern geliefert. Aber die Kunden brauchten sie lediglich dosenweise. Also sammelte Karl-Heinz Dosen mit Deckel, säuberte sie, und bekam für jede Dose einen Pfennig.

Für den Herrenausstatter Süggel & Küper brachte er Pakete mit Schirmen zur Post, die in Wuppertal repariert werden mussten. Konditorei Eckhoff/Hütter, praktisch Nachbarn, hatten immer etwas für den jungen Karl-Heinz. „Ja und dann, das darf ich nicht vergessen“, erzählt er mit verschmitztem Lächeln, „im Winter, wenn es schneite, war die Voerder Straße praktisch mein Revier, um mit Schneeschüppen von der Esbecke bis nach Strohmeyer (heute Schlöder) mein Taschengeld aufzubessern. Natürlich abschnittweise.“

Als der TuS Milspe nach Ende des 2. Weltkriegs erfolgreiche Fußballmannschaften hatte, zog es den „Misper Jungen“ zum Bremenplatz.

Bald hatten die Trainer seine Qualitäten als Torwart erkannt. So stand er zwischen dem 14. und 22. Lebensjahr bei vielen Jugendmannschaften, bis hin zur Reserve der 1. Mannschaft erfolgreich zwischen den Holzpfosten. Als dann der TuS Milspe in die höchste Fußballklasse Westfalens aufstieg und Karl-Heinz Otto beim legendären Meisterschaftsspiel gegen Schalke 04 auf dem Bremenplatz als Zuschauer das 2:2 miterlebte, seitdem schlägt sein Herz für die Blau-Weißen. Als Schalke-Fan trägt er auch heute den Schal der Königsblauen.

Monatlich drei Reichsmark

Nach der Schule bekam er eine Lehrstelle bei der Firma August Bilstein (heute Thyssen-Krupp). Im ersten Lehrjahr bekam er monatlich drei Reichsmark, dann für jedes weitere Lehrjahr eine RM mehr. Gern denkt er an diese Zeit zurück, auch daran, wenn Firmenchef Hans Bilstein wöchentlich durch die Produktionsräume ging, um mit seinen Mitarbeitern Gespräche zu führen.

Seine Ausbildung musste er 1943, 16-jährig, unterbrechen, um seinen Arbeitsdienst in Böhmen und Mähren abzuleisten. Mit 17 Jahren gehörte er dann als Soldat zum letzten Aufgebot der Deutschen Wehrmacht. Aus norddeutscher Gefangenschaft kam er aber 1945 nach Milspe zurück. Und bei August Bilstein brachte er es auf 45 Arbeitsjahre.

Als an den Nachkriegswochenenden im „Haus der Kunst“ (Vorläufer des Haus’ Ennepetal) an der Kölner Straße, jetzt neue Gebäude der Firma Altenloh, Brinck & Co., eine Combo zum Tanz aufspielte, lernte Karl-Heinz Otto seine Frau kennen; nicht aus Milspe oder Voerde, sondern aus Ostpreußen.

„Eine perfekte Hausfrau“, schwärmt er. Sie waren 52 Jahre verheiratet. Die Wohnungen wechselten im Laufe der fünf Jahrzehnte. Aber Ennepetal sind sie treu geblieben. Zur Familie gehören ein Sohn, Schwiegertochter, Enkel und ein Urenkel, bei dessen Taufe der Urgroßvater im vergangenen Jahr in der Johanneskirche in Voerde dabei war. Seit drei Jahren, nach dem Tod seiner Frau, lebt er nun im Haus am Steinnocken allein, aber stark engagiert in vielen Bereichen.

Wenn nun Karl-Heinz Otto auf seine fünfjährige Zeit im Haus am Steinnocken zurückblickt: „Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ich freue mich über jeden Tag, wenn ich neue Aufgaben mitgestalten kann oder ich ganz einfach wie bei einem Gottesdienst zuhören und mitsingen kann.“

Zu wenig Schwestern

Unzufrieden ist er mit den gesetzlichen Vorgaben in der Altenpflege, weil es zu wenig Schwestern und Pflegekräfte gibt. „Und die, die bei uns im Haus sind, tun alles, was in ihren Kräften steht, damit die Bewohner zufrieden sind.“ Traurig ist er, dass seine Stationsschwester Jovana in diesem Monat in den Ruhestand geht, hat sie doch noch vor kurzer Zeit zu ihm gesagt: „Bei Ihnen, Herr Otto, können wir ja etwas einsparen, weil Ihr Gesicht überhaupt keine Faltencreme braucht.“