Der Bombenhagel vom Wuppermannshof

Gerd und Christel Schröder leben gerne an der Kölner Straße.  Doch das Haus, in dem sie leben, wurde beim Angriff vom 13. Februar 1945 zerstört. Sie brauchten lange, um es wieder aufzubauen, Bis heute ist die Erinnerung an damals präsent. Vor allem, seit die Suche nach Blindgängern begonnen hat.
Gerd und Christel Schröder leben gerne an der Kölner Straße. Doch das Haus, in dem sie leben, wurde beim Angriff vom 13. Februar 1945 zerstört. Sie brauchten lange, um es wieder aufzubauen, Bis heute ist die Erinnerung an damals präsent. Vor allem, seit die Suche nach Blindgängern begonnen hat.
Foto: WP

Ennepetal..  Kein Bereich auf Ennepetaler Stadtgebiet stand im Zweiten Weltkrieg mehr unter Beschuss als der Wuppermannshof. Christel Schröder war ein kleines Mädchen, als sie zusehen musste, wie Nachbarn und Freunde starben, ihr Vater tödlich verletzt wurde. Ihr Elternhaus hat sie wieder aufgebaut, ist dort mit ihrem Mann glücklich geworden, aber die grausigen Erinnerungen – vor allem an den 13. Februar 1945 – lassen sie bis heute nicht los. „In den Häusern hier gab es keine Familie, die bei dem Angriff nicht jemanden verloren hatte“, sagt sie. Dass die Stadt bei ihren Sucharbeiten jetzt auf keinen Blindgänger traf, kann sie kaum glauben. Zu viele Bomben seien damals vom Himmel gefallen und hatten mehr als 80 Menschen in den Tod gerissen.

Bombensplitter im Körper

Die beiden Geschwader hatten über Oelkinghausen mit ihrem Angriff begonnen. „Der Bombenteppich legte hier alles in Schutt und Asche.“ Sie habe Kühe auf der Weide brennen sehen, ein Bus voller Flüchtlinge, die am Wuppermannshof Schutz suchten, verbrannte vollständig. Einzig ein Kind habe überlebt. Und dann überall dieser Geruch, nach Benzin und Feuer.

Es war etwa gegen 10 Uhr morgens, es war Voralarm, stahlblauer Himmel. Ihre Mutter habe sie an diesem Tag nicht in die Schule gelassen. Eine Entscheidung, die ihr wohl das Leben rettete. Ihre Klassenlehrerin und mehrere Schüler starben später bei dem Versuch, sich beim Fliegeralarm in Sicherheit zu bringen.

Christel Schröder stand gerade vor dem Haus, als sie plötzlich ihr Vater an der Hand packte und nach drinnen zog. „Wenige Augenblicke später hob sich das Haus und fiel in sich zusammen.“ Ihr Vater war verschüttet, sie lag unter der massiven WC-Tür. „Das hat mir das Leben gerettet“, sagt sie heute. Glück, dass ein Freund der Familie nicht hatte. Er schaffte es nicht mehr ins Haus, blutete stark „und sprach ganz schrecklich“, erinnert sie sich an seine letzten Minuten. Ihre Mutter grub unterdessen ihren Mann aus den Trümmern, schüttelte ihn. „Komm zu Dir, der Franz stirbt“, habe sie damals gerufen.

Vater durch Bordwaffen getötet

Dann sei ihr Vater aufgestanden, nach draußen gegangen und habe versucht, seinen Freund ins Haus zu ziehen. Er wurde von Bordwaffen getroffen. Ein Volltreffer in die Hüfte. Christel Schröders Vater lebte nur noch wenige Stunden. Auch ihr Großvater wurde angeschossen, als er die Öfen in dem Haus löschte, und so verhinderte, dass Feuer ausbrach. Er wurde in die Brust und in den Arm getroffen. Er überlebte.

Christel Schröder weiß noch ganz genau, woher die Flieger kamen, wie sie drehten und im Tiefflug wahllos auf die Menschen zielten. „Auf alles und jeden, der sich bewegte“, sagt sie. „Ich habe die Leute im Cockpit gesehen.“

Beim zweiten Bombenangriff war sie im Keller, ihre Mutter draußen, um ihren Mann ins Krankenhaus zu bringen. Nach dem Bombenhagel bahnte sie sich den Weg zurück zu ihrem Haus an der Kölner Straße, vorbei an Soldaten, hinweg über eine Bombe, die im Treppenhaus lag. Ein Bombensplitter in Christel Schröders Körper erinnert sie jeden Tag an diesen schlimmen 13. Februar, über den in den Geschichtsbüchern der Stadt nicht viel geschrieben steht. Doch die Geschehnisse brannten sich in das Gedächtnis der damals Neunjährigen.

Auch ihr Mann hat alles miterlebt, wenn auch eher zufällig. Er streifte damals mit Freunden durch den angrenzenden Wald, auf der Suche nach Holz. Sie rannten los, als die Flieger kamen, hörten die Explosionen, kamen mit dem Leben davon. Auch er hat schlimme Kriegserfahrungen in seiner Jugend in Barmen machen müssen. Ein Auge wurde durch Phosphor verbrannt, seine Großmutter wurde getötet. Christel Schröder hatte lange Zeit Angst vor Feuer, vor lautem Donner. 15 Jahre hatte es gedauert, das Haus wieder aufzubauen, das ihr Großvater zur Jahrhundertwende gekauft hatte. Ein riesiger Hof mit Geschichte.

Einen Verdachtsfall gibt es noch

Als sie ihren Mann viele Jahre später kennen lernte, bauten sie sich dort gemeinsam eine Zukunft auf. Doch gerade jetzt sind die Erinnerungen wieder da. Weil die Stadt in diesem Bereich elf Bombenverdachtsmomenten nachgeht, zehn haben sich nicht bestätigt. Der letzte ist an der Königsfelder Straße, am Hagelsiepen. Doch hier beginnen die Sondierungsmaßnahmen erst später. Die Planungen seien aufwändig, weil der Bereich sehr eng sei, erklärt Heidi Hoffmeier-Grüner vom Ordnungsamt. Doch der Schwerpunkt der Untersuchungen lag natürlich im Bereich Wuppermannshof, wo am meisten abgeworfen wurde. Zahlen gebe es nicht, auch keine Aufzeichnungen darüber, was bis 1968 passiert ist, wie viele Bomben bis dahin geräumt wurden. Erst zu dieser Zeit hätten die Aufzeichnungen begonnen.

Was bleibt, sind die Erinnerungen, die Zeitzeugen wie Christel Schröder, auch 70 Jahre später nie vergessen können. Was bleibt, ist auch die Ungewissheit, ob nicht irgendwann doch noch ein Blindgänger am Wuppermannshof entdeckt wird. Christel Schröder rechnet sogar damit.