Damit Flüchtlingskinder nicht sprachlos bleiben

„Danke“: Das Mädchen schreibt ihr Lieblingswort, wie sie sagt, auf die Tafel.
„Danke“: Das Mädchen schreibt ihr Lieblingswort, wie sie sagt, auf die Tafel.
Foto: WP

Schwelm..  „Das ist ein...?“ Die drei Kinder schauen aufs Blatt, das vor ihnen auf dem Tisch liegt. Dann sagt die Anleiterin mit ruhiger Stimme. „Das ist ein Schrank“. Aha, ein Schrank. Und wieder die Stimme der Betreuerin: „Man schreibt das S-C-H-R-A-N-K“. Die beiden Mädchen und der Junge schauen konzentriert hin. Buchstabe für Buchstabe schreiben sie nun das Wort neben die Zeichnung auf ihrem Blatt. „Schrank“, wiederholt dann ein Mädchen. „Ja, Schrank“, antwortet die Betreuerin, lächelt und lobt. Seit Anfang des Jahres macht der Kinderschutzbund „sprachlose“ Mädchen und Jungen aus Flüchtlingsfamilien fit für das Leben in Deutschland.

„Sprachlose“, also Kinder, die mit ihren Familien ohne jegliche Sprachkenntnisse nach Deutschland kamen, gab es schon immer. „Nur früher waren das ein oder zwei im Jahr“, erzählt Claudia Flesch, Geschäftsführerin des Schwelmer Kinderschutzbundes. Die habe man dann an die Hand genommen und für jeden einzelnen eine individuelle Lösung gefunden.

Irgendwann ging das nicht mehr. Irgendwann wurden es zu viele. Das war im August vergangenen Jahres. Die ersten syrischen Familien kamen nach Schwelm. Sie waren geflohen vor dem Krieg in ihrer Heimat, vor dem Elend, vor dem bestialischen Morden. „Uns war klar, dass sie länger bleiben und dass noch mehr kommen würden. Wir mussten was tun“, sagt Claudia Flesch. Es war die Geburtsstunde der „Sprachförderung für Kinder aus Flüchtlingsfamilien“.

Nach einem Viertel Jahr Planung und viel Vorarbeit startete das Projekt nun Anfang diesen Jahres. Seitdem lernen „Sprachlose“ zweimal die Woche, montags und mittwochs, im Kinderhaus Blauer Elefant das Lesen und Schreiben in deutscher Sprache. „Zurzeit sind 20 Kinder angemeldet“, berichtet Claudia Flesch. Darunter acht aus syrischen und drei aus afghanischen Familien.

Doch wie lernen, wenn es keinen gemeinsamen Sprachnenner gibt? Keines der Kinder spricht deutsch, die allerwenigsten können Englisch, und viele sind noch so jung, dass sie gerade mal mit dem Schreiben in ihrer Muttersprache begonnen haben. In arabischer Schrift, nicht in lateinischer. Hinzu kommt, dass viele Kinder traumatische Schrecken hinter sich haben. Die Anforderungen an die Betreuer waren nicht nur pädagogische, sondern auch psychologische.

Man habe das Betreuer-Team mit viel Bedacht zusammenstellen müssen, erklärt Claudia Flesch. Auch darum war das Projekt nicht von jetzt auf gleich an den Start zu bringen – obwohl der Bedarf durchaus dringend war. Ende Dezember war es dem Kinderschutzbund dann endlich gelungen, sechs ehrenamtliche Betreuer für diese besondere Aufgabe zu gewinnen – unter ihnen ehemalige Lehrer und Lehramtsanwärter. Angeleitet wird das Team von Ginie Borchers, der ehemaligen Leiterin der Schwelmer Förderschule. Koordinatorin der Schul- und Lernhilfe beim Schwelmer KSB ist Claudia Haar.

In kleinen Gruppen sitzen die Kinder im Alter zwischen sieben und 16 Jahren an den Tischen. Die jüngeren in den Räumen unten, die älteren oben. Jeder Betreuer befasst sich mit höchstens drei Kindern. An einem Tisch wird vorgelesen, am anderen werden Wörter gelernt und wie man sie schreibt. Die Lernmaterialien? Vorlesebücher aus der Stadtbücherei und einzelne Blätter, auf denen Übungen aus Sprachlernbüchern draufkopiert wurden. Der Kinderschutzbund hätte gerne zumindest Wörterbücher mit auf den Tischen. Doch dafür fehlt das Geld.

Projekt ist auf Hilfe angewiesen

Teilnehmen am Projekt können Kinder, deren Familien Anspruch aufs Bildungspaket des Bundes haben. Es fließt also öffentliches Geld ins Projekt. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass längst nicht alle „Sprachlosen“ einen Anspruch darauf haben. „Bei uns werden aber alle aufgenommen“, stellt Claudia Flesch klar. „Wir schicken niemanden nach Hause, nur weil er nicht im Leistungsbezug ist“.

Das Selbstverständnis hat seinen Preis. Der Kinderschutzbund ist permanent auf Unterstützung und Hilfe angewiesen. Am Dienstag überreichte Pfarrer Jürgen Schröder einen Umschlag mit 350 Euro Bargeld an Claudia Flesch. Die Spende ist der Erlös der Kollekte beim Abschlussgottesdienst der Internationalen Gebetswoche in der Christuskirche. „Das ist hier eine ganz sinnvolle Arbeit, die möchten wir unterstützen“, übermittelte Pfarrer Schröder.

Ein Lob kommt auch von den Kindern und Jugendlichen selbst. Fatima (16) und Sara (14), beides Teenager mit syrischen Wurzeln, kommen seit Herbst zum Blauen Elefanten. Vorher waren sie zwei unter vielen bei der Hausaufgabehilfe, heute profitieren sie von der Intensiv-Förderung in kleiner Runde. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt Sara. Sie könne jetzt schon lesen und schreiben. Was sie schwierig findet? „Die Grammatik“. Für Fatima sind es die Artikel. Mit Ulrich Hildmann als Betreuer an ihrer Seite sollte auch das bald kein Problem mehr sein. „Sprachlos“ jedenfalls sind sie längst nicht mehr.