Brücke nach Görlitz wächst Stein für Stein

Die Stadt Görlitz mit ihren historischen Fassaden zählt wohl zu den schönsten der geeinten Republik. Das empfinden auch die Mitglieder des Kreistags so, die sich während der Reise ein Bild von der Stadt machen.
Die Stadt Görlitz mit ihren historischen Fassaden zählt wohl zu den schönsten der geeinten Republik. Das empfinden auch die Mitglieder des Kreistags so, die sich während der Reise ein Bild von der Stadt machen.
Foto: WP

Ennepe-Ruhr/Görlitz..  25 Jahre deutsche Einheit. 25 Jahre Wessis und Ossis. 25 Jahre liegt einer der bewegendsten Momente der deutschen Geschichte zurück. Doch wie weit ist zusammengewachsen, was zusammengehört? Von Donnerstag bis Sonntag machten sich zahlreiche Mitglieder des Kreistags mit Landrat Dr. Arnim Brux und seiner Frau Ulrike an der Spitze davon ein Bild im Landkreis Görlitz. Sie gossen ein zartes Pflänzchen der Zusammenführung von Ost und West. Höhepunkt: die Eröffnungsveranstaltung des gemeinsamen Kunstprojekts „Wasser gleich...“ am Sonntag.

Eine der schönsten Städte

Imposant! Die Stadt Görlitz zählt wohl zu den schönsten der geeinten Republik. Historische Fassaden sind traumhaft aufgearbeitet, die Neiße trennt Deutschland und Polen. Eine Grenze, die kaum eine ist, denn außer, dass auf der anderen Seite der Stadt die Preise in Zloty ausgewiesen sind, merkt der Besucher überhaupt nicht, dass er das Land wechselt.

Vom vereinten Deutschland ins vereinte Europa. „Die ganze Umgebung hat sich seit der Wende unglaublich verändert“, sagt Dr. Arnim Brux, der in der Region geboren ist und dort noch Verwandtschaft leben hat, die er auch während der DDR-Zeit regelmäßig besucht hat.

Es wird deutlich: Hier ist viel Geld hingeflossen und es wird weiter investiert. Zwischen den traumhaften Fassaden aus Mittelalter, Barock und Renaissance prangt plötzlich ein weiteres Stück deutsche Geschichte: VEB Kondensatorenwerk Görlitz steht in rostigen Buchstaben an der Fabrikruine - einem stummen, sterbenden Zeugen des Sozialismus.

Die Gruppe aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis schaute sich die wunderschöne Umgebung an, bekam einen tiefen Einblick in das größte Tourismusprojekt Sachsens. Unter dem Titel „Von der Kohle zum Tourismus“ werden ehemalige Braukohle-Brachen renaturiert, für etliche Millionen zur Naherholungsgebiet ausgebaut. Ebenso gab es während einer Führung einen tiefen Einblick in die Geschichte der Stadt Görlitz sowie hinter die Kulissen. Begeisterung bei den Politikern, aber stets auch kritische Blicke und die Frage: „Ist hier das Geld aus dem Soli besser angelegt als bei uns?“ Schließlich haben die EN-Städte im Speckgürtel des Ruhrgebiets mit vielen eigenen drängenden Problemen zu kämpfen.

Vor allem diese Frage erörterten die Politiker während eines gemeinsamen Abendessens mit dem Ältestenrat des Landkreises Görlitz. Landrat Dr. Arnim Brux und sein Görlitzer Pendant Bernd Lange sowie deren Ehefrauen Ulrike Brux und Marion Lange verbindet eine langjährige Freundschaft. Brux stellte kurz die Kulturpartnerschaft vor, die auf das Jahr 2007 und die damals laufenden Bewerbungen zur Kulturhauptstadt 2010 zurückgehen. Bis zum Schluss waren das Ruhrgebiet und der Kreis Görlitz im Verfahren. Ruhr 2010 gewann.

Doch die Verbindung, die vor einigen Jahren in viel beachteten Projekten unter der Regie von Fritz Pleitgen und Ulrike Brux auch im Ennepetaler Industriemuseum gipfelte, riss niemals ab und wird nun mit neuem Leben gefüllt. „Dies ist ein kleines Mosaiksteinchen zur Zusammenführung von Ost und West“, sagt Ulrike Brux.

Ähnliche Herausforderungen

Dass die Aufgaben, die im Ennepe-Ruhr-Kreis und im Kreis Görlitz auf die Politik warten, gar nicht so weit auseinander liegen, machte Landrat Bernd Lange deutlich. „Wir kämpfen massiv mit Bevölkerungsrückgang. Der Landkreis hatte zur Wende noch etwa 430 000 Einwohner aktuell sind es 257 000.“ Er kämpft darum, den Menschen Mut zuzusprechen, dass sie in Görlitz eine Perspektive haben. Gleichzeitig will die Politik der Zwei-Nationen-Stadt die Kommunen und das touristisch unglaublich attraktive Umland bekannter machen. In intensiven Gesprächen tauschten sich die Politiker viele Stunden aus. Ob daraus mehr erwächst? Eventuell sogar eine offizielle Partnerschaft? Bei dieser Antwort geben sich die Protagonisten zurückhaltend. „Man muss so etwas wachsen lassen. Wir pflegen unsere guten Kontakte weiter“, sagten die beiden Landräte unisono. Allerdings: Dr. Arnim Brux lud die Mitglieder des Görlitzer Kreistags bereits zum Gegenbesuch ein. Der wird wahrscheinlich erst stattfinden, wenn sein Nachfolger beziehungsweise seine Nachfolgerin nach der Wahl im September ins Kreishaus eingezogen sein wird.

Doch nach den Eindrücken, die die Politiker in Görlitz gewonnen haben, sind zumindest diejenigen, die mitfuhren, davon überzeugt, dieses zarte Pflänzchen der Annäherung von Ost und West weiter zu hegen und zu pflegen. Damit nach 25 Jahren zusammenwächst, was längst zusammengehört.