„Bitte einigen Sie sich, so kann es nicht bleiben“

„Beendet den Streik!“: Mit dieser Forderung demonstrieren die Elternund Kinderdes städtischen Familienzentrums Habichtstraße vor dem Rathaus für eine Wiederaufnahme des Betriebs.
„Beendet den Streik!“: Mit dieser Forderung demonstrieren die Elternund Kinderdes städtischen Familienzentrums Habichtstraße vor dem Rathaus für eine Wiederaufnahme des Betriebs.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Eltern und Kinder des Familienzentrums Habichtstraße haben gestern die Initiative ergriffen und sind zum Protestieren zum Rathaus und der örtlichen Verdi-Geschäftsstelle gezogen. Ihre Forderung: Ein sofortiges Ende des Streiks.

Gevelsberg..  Im Rund des großen Ratsaals des Gevelsberger Rathauses spielen zwei Mädchen „Pferdchen“ und führen sich gegenseitig im Galopp an der Leine. Daneben liefern sich die Jungs mit ihren Bobbycars Rennen. Die Fröhlichkeit der Kinder des städtischen Familienzentrums Habichtstraße entlockt Bürgermeister Claus Jacobi ein Lächeln. So viel „junges Gemüse“ gibt es im Ratsaal nicht alle Tage. Dabei ist der Grund, warum die Kinder mit ihren Eltern gestern Morgen, mit Tröten und Protestplakaten bewaffnet, die Stadtverwaltung aufsuchten, ein ausnahmslos ernster.

Sie haben als „Geschädigte“ des derzeitigen Kita-Streiks die Initiative ergriffen, um beide Streikparteien dazu aufzurufen, im Sinne von Kindern und Eltern an den Verhandlungstisch zurückzukehren. „Bitte einigen sie sich schnell, so kann es nicht bleiben“, appellierte Jane Mörkels an Gevelsbergs ersten Bürger und übergab ihm einen Offenen Brief aller Eltern des Familienzentrums Habichtstraße, der einzigen städtischen Kita der Kommune.

„Ich finde die Aktion der Eltern grundsätzlich gut“, bewertete Claus Jacobi den Protest. „Ein Stück weit haben wir das gleiche Interesse.“ Jeder Erzieherin würde er eine Gehaltserhöhung gönnen. Dass seine Mitarbeiterinnen in der Habichtstraße einen „hervorragenden Job“ machen würden, stehe außer Frage. Und dass in den vergangenen Jahren die Anforderungen im Job größer geworden seien, auch.

Dinge realistisch sehen

Jedoch müsse er auch als Arbeitgeber die Dinge realistisch sehen. Die Forderungen der Gewerkschaften Verdi und Komba, Erzieherinnen zwischen fünf und sieben Gehaltsstufen höher einzustufen, sei in puncto finanzieller Mehraufwand für „die öffentliche Hand nicht zu verkraften“. „Als Arbeitgeber bin ich in der Verantwortung, den städtischen Haushalt stabil zu halten.“ Wenn die Ausgaben für die Erzieherinnen-Gehälter zwischen zehn und 20 Prozent nach oben schnellten, habe das enorme Auswirkungen – auch auf die Höhe der Kita-Beiträge, so Jacobi.

Der Bürgermeister nahm sich viel Zeit, den Eltern anhand einer Präsentation die Problemlage zu veranschaulichen. Auch er plädierte für eine schnelle Rückkehr der Tarifparteien an den Verhandlungstisch. Immerhin würden die Entscheidungen auf höherer Ebene und nicht direkt in den Städten getroffen. „Deshalb sind wir Kommunen gemeinsam mit den Eltern und Kindern die Leidtragenden. Für uns als Stadt ist die Situation eine wirklich schlechte Geschichte“, meinte Jacobi.

„Ich finde es richtig gut, dass der Bürgermeister sich so viel Zeit für unser Anliegen genommen hat. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagte Jane Mörkels. Sie betonte, dass die Eltern des Familienzentrums Habichtstraße sich auf keine Seite schlagen wollten. „Grundsätzlich stehen wir hinter unseren Erzieherinnen: Sie machen eine super Arbeit.“ Den Eltern sei es aber wichtig, dass die Tarifstreitigkeiten nicht auf dem Rücken der Eltern und Kinder ausgetragen würden.

Vom Rathaus direkt zur Verdi

Aus diesem Grund ging es mit der Forderung, den Streik umgehend zu beenden, aus dem Rathaus hinaus, die Straße hinüber, gleich zur Gegenpartei, der Verdi und ihrer örtlichen Geschäftsstelle. „Verdi komm raus“, skandierten Eltern und Kinder. Erst tat sich nichts. Dann stellte sich Martin Orthen, Verdi-Sekretär für den Fachbereich Verkehr, den Eltern. Auch ihm wurde der Offene Brief übergeben.

Anders als im Ratsaal, in denen die Eltern noch ruhig und interessiert den Ausführungen des Bürgermeisters lauschten, entlud sich bei Verdi der ganze Unmut über den Streik. Kritik äußerten die Eltern besonders an der Tatsache, dass von Seiten der Gewerkschaften bis Montag keine Notgruppe in der Habichtstraße vorgesehen war. Diese wurde erst nachträglich ab Dienstag bewilligt. „Alle Städte hatten eine Notgruppe, nur wir nicht. Denken sie einmal an uns und unsere Arbeitgeber. Wir haben die Probleme, wie sollen wir denen einen unbefristeten Streik erklären? Das ist etwas, über das sich Verdi keine Gedanken gemacht hat“, beklagten sie. Auch für die Höhe der Gewerkschaftsforderung äußerten sie Unverständnis. „Sie müssen realistisch und machbar sein. Wenn ich mal eben so sieben Lohngruppen nach oben gehen würde, dann würde ich eine Party geben“, so eine Mutter.

„Ich kann die Sorgen und Nöte der Eltern verstehen, ich hätte mich gewundert, wenn sie sich nicht geäußert hätten“, gestand Martin Orthen. Er sicherte den Eltern zu, dass Verdi alles geben werde, um die Situation zu entschärfen: „Wir tun alles dafür, damit der Streik so schnell wie möglich beendet wird.“