Angeklagter bestreitet Gewalt im Familienalltag

An der Willringhauser Straße, kurz vor dem Ortsausgang von Rüggeberg, ereignete sich am 18. September 2014 die furchtbare Bluttat.
An der Willringhauser Straße, kurz vor dem Ortsausgang von Rüggeberg, ereignete sich am 18. September 2014 die furchtbare Bluttat.
Foto: WP

Ennepetal/Hagen..  Im September machte eine Bluttat in Rüggeberg die Menschen fassungslos. Eine Frau war in ihrer Wohnung an der Willringhauser Straße erstochen worden. Noch am selben Tag stellte sich der von ihr getrennt lebende Ehemann bei der Polizei. Gestern gestand er die Bluttat auch vor dem Hagener Schwurgericht. Warum er seine Frau mit vier tiefen Stichen in den Brustkorb getötet hat, konnte – oder wollte – der 46-Jährige aber nicht erklären.

Viele Ennepetaler im Gerichtssaal

Zahlreiche Ennepetaler, offenbar Freunde, Bekannte und Verwandte, waren gestern erschienen, um den Auftakt des Prozesses gegen den 46-Jährigen, der zuletzt ohne festen Wohnsitz war, aus nächster Nähe zu verfolgen. So kurz die Anklageschrift war, so schwer ist der Vorwurf: Der Mann soll am 18. September vergangenen Jahres seine Frau grausam erstochen haben. Offenbar aus Wut, weil sie die Türschlösser ausgetauscht hatte, damit er nicht mehr in ihre Wohnung gelangen konnte.

Die schreckliche Tat ist laut früherer Zeugenaussagen bei der Polizei der traurige Höhepunkt einer jahrelangen Serie von Gewaltausbrüchen des 46-Jährigen gegen die Frau und den gemeinsamen Sohn (18). Es sei „ein normales Familienleben“ gewesen, ohne Gewalt, erklärte hingegen der Angeklagte. Dagegen spricht, dass er 2008 seiner Frau mit einem brutalen Schlag ins Gesicht das Nasenbein gebrochen haben soll. Dieser Gewaltexzess, der die erste Trennung des Paares nach sich zog, sei buchstäblich ein „Ausrutscher“ gewesen: „Wir haben uns ein bisschen gestritten. Und da ist mir die Hand ausgerutscht. Es war aber eine normale Ohrfeige“, so der Angeklagte. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Heike Hartmann-Garschagen, was denn an einer Ohrfeige normal sein kann, reagierte der Mann mit Unverständnis. „Ich verstehe nicht, was Sie meinen...“

Ebenfalls Gegenstand des Verfahrens ist auch eine Attacke auf seinen Sohn. An einem nicht bestimmbaren Tag soll er den Jungen mit einem Cutter-Messer in den Oberarm geschnitten haben. Der 46-Jährige stritt das ab und sprach von einem kleinen Unfall infolge einer spielerischen Balgerei, als die beiden zusammen Laminat verlegt hätten.

Über den Tattag „bügelte“ der Angeklagte schnell hinweg. Kühl – schon fast teilnahmslos – schilderte der ehemalige Türsteher nebulös einen Streit, bei dem „ein Wort das andere gab“. Vermutlich ging es um finanzielle Angelegenheiten und Unterlagen, die er für eine Hartz-IV-Meldung benötigte und die sich in der Wohnung der Frau befanden. Die Richterin fragte nach Details des Streits. Obwohl der 46-Jährige ständig seine handschriftlichen Unterlagen konsultierte, antwortete er nur: „Weiß ich nicht. Sie wissen doch, was dann passiert ist.“

Erschütternde Schilderungen

Was passiert ist, ist erschütternd. Polizeibeamte und ein Rettungsassistent berichteten, wie die Frau noch in gekrümmter Schutzhaltung auf dem Bett lag. Aber es kam jede Hilfe zu spät. Ein 42-jähriger Polizeibeamter gab offen zu, dass ihn dieser Einsatz mit trauernden Angehörigen und dem Sohn, der seine blutüberströmte Mutter gefunden hatte, emotional sehr mitgenommen hat.

Der Angeklagte machte sich währenddessen Notizen. Mit der Lesebrille auf der Nase und einem Kugelschreiber in der Hand wirkte er eher wie ein interessierter Beobachter des Prozesses als wie derjenige, dem vorgeworfen wird, einen Mord aus Eifersucht begangen zu haben. Sollte er seine Tat bereuen, zeigte er es nicht offen, sondern ließ durch seinen Verteidiger Frank Becker aus Hagen erklären: „Er würde sich später gern bei seiner Schwägerin entschuldigen, sofern sie das überhaupt gestattet.“ Doch die Schwester der Getöteten, die als Nebenklägerin den Prozess verfolgt, reagierte nicht. Nur das Publikum quittierte die Ankündigung mit verächtlichem Schnauben und Kopfschütteln.

INFO:

Der Prozess wird am 12. Januar am Hagener Landgericht fortgesetzt.

An insgesamt zwölf geplanten Prozesstagen will die Schwurgerichtskammer voraussichtlich bis Anfang März weitere Zeugen und Gutachten hören.