Abschied von einem Stück Heimat

Ein Familienbetrieb, wie es ihn selten noch gibt: (von links) Dieter Hillenberg, Tochter Christine Hillenberg-Meyer, Enkel Dennis Köhler und Ehefrau Roswitha Hillenberg,
Ein Familienbetrieb, wie es ihn selten noch gibt: (von links) Dieter Hillenberg, Tochter Christine Hillenberg-Meyer, Enkel Dennis Köhler und Ehefrau Roswitha Hillenberg,
Foto: WP

Schwelm..  Im Wohnzimmer von Edith Bick fing alles an. Dort servierte sie Kartoffelsalat und Frikadellen, bewirtete Gäste und baute sich nach dem Krieg eine kleine Existenz auf. Aus der Gartenwirtschaft wurde ein großer Landgasthof, der mittlerweile von ihrer Enkelin, Christine Hillenberg-Meyer, geführt wird. Bis jetzt. Denn mit dem Jahreswechsel endet die 65-jährige Familientradition am Höhenweg. Das Lokal „Zur Bergeshöh“ hat den Betrieb eingestellt, für viele ist damit auch ein kleines Stück Heimat verloren gegangen.

Schweren Herzens habe sich die Familie zu diesem Schritt entschlossen. Aus persönlichen und wirtschaftlichen Gründen. „Meine Eltern sollen endlich das machen, was andere Senioren im Alter von 80 und 77 Jahren eben auch tun“, sagt Christine Hillenberg-Meyer. Und darauf freuen sich Dieter und Roswitha Hillenberg, auch wenn die Wehmut noch überwiegt. Bis heute haben sie ihre Tochter in der Gastwirtschaft unterstützt, waren immer noch mittendrin im Geschehen. „Doch die Zeiten haben sich geändert“, weiß Christine Hillenberg-Meyer.

„Viele, die jahrzehntelang zu uns gekommen sind, leben nicht mehr.“ In den vergangenen Monaten habe es hier viele Beerdigungen gegeben. Ein Generationenwechsel habe sich vollzogen, nun sei es auch für die 51-Jährige Zeit für etwas Neues. „Eine Idee habe ich schon“, sagt sie, will aber zu diesem Zeitpunkt noch nichts verraten. Jetzt müsse erst einmal die Gaststätte aufgelöst werden, alles abgewickelt werden - und das sei schwer genug, denn die Wirtschaft war nicht nur eine Familien-, sondern eine Herzensangelegenheit. Die Räumlichkeiten an jemand anderen zu vermieten, sei nicht in Frage gekommen. Schon vor Jahren habe das nicht geklappt, als Roswitha und Dieter Hillenberg einen Nachfolger suchten. Vier Pächter scheiterten, das Ehepaar machte weiter – bis die Tochter vor zwölf Jahren übernahm. „Ich wollte das eigentlich nie, aber dadurch, dass ich in den Betrieb reingeboren wurde, wusste ich, wie es geht.“ Auch ihr Sohn Dennis half mit. Wie auch seine Großmutter Roswitha schon als Kind bei ihren Eltern.

Ihre Jugendfreundin Monika Prützmann wohnt zwei Häuser weiter, schon ihre Eltern waren Stammgäste im Landgasthof. Monika Prützmann hat ihre Konfirmation im Gasthof gefeiert, ebenso ihre Hochzeit, die Taufe der Tochter, der Enkel und ihre Silberhochzeit. „Nur die Goldene, die findet hier nicht mehr statt“, doch nicht nur deshalb werde ihr dieser Ort fehlen.

Wie ein zweites Zuhause

Für viele sei die Gaststätte der Bicks und Hillenbergs wie ein zweites Zuhause gewesen, ein Ausflugsort mit Spielplatz für Kinder, für noch mehr eine feste Institution. So wie für Klaus Flender. Seit über 40 Jahren gehören er und Monika Prützman zu einem Stammtisch. „E wurde eben zu laut, sich immer von Tisch zu Tisch zu unterhalten“, sagt er. Also habe man sich irgendwann gleich zusammen an einen gesetzt. „Aber auch danach waren wir sehr oft laut.“ Manch einer hätten sich gerne in die Nähe gesetzt, um mitzubekommen, was es so neues gibt.

Wer lieber seine Ruhe haben wollte, konnte nach hinten in den Saal gehen, sagt Christine Hillenberg-Meyer. Platz gab es genug. „Die Wohnung ist im Laufe der Jahre immer kleiner geworden, dafür der Gasthof immer größer.“ Vor allem Dank des tatkräftigen Einsatzes von Dieter Hillenberg. Wenn er nicht hinter der Theke stand, werkelte er am Haus, arbeitete auf dem Feld, kümmerte sich um die Landwirtschaft. „Ein Jahr lang hat man die Tiere auf dem Feld gesehen, dann landeten sie auf dem Teller“, erinnert sich Klaus Flender an die vielen Schlachtfeste am Höhenweg.

Ein besonderes Markenzeichen seien auch die guten Portionen gewesen, immer mehr als üblich, und vor allem schmackhaft, schwärmt er. Dafür gesorgt hatte meist Roswitha Hillenberg. Bis vor zwei Tagen arbeitete sie noch in der Küche mit. Was sie jetzt tun wird? „Etwas ausspannen“, sagt sie. Dinge nachholen, die in den Jahren immer zu kurz gekommen sind. Zeit für Hobbys gab es nicht, „wenn Feiern anstanden, sind wir immer nachgekommen, wenn wir nicht zu kaputt waren.“ Die Sonntage sind aber weiter für den Stammtisch von Monika Prützmann und Klaus Flender reserviert. Denn auch die Hillenbergs gehören mittlerweile dazu, und die Treffen finden wieder dort statt, wo alles Begann. Im Wohnzimmer der Familie am Höhenweg 89. Drei Generationen später.