Abreisen kam nicht in Frage

Michael Fladung (Mitte) wolltedas Land bereisen und ist nach der Katastrophe geblieben, um zu helfen.
Michael Fladung (Mitte) wolltedas Land bereisen und ist nach der Katastrophe geblieben, um zu helfen.
Foto: Jan Schulte

Gevelsberg..  „Wir bleiben auf jeden Fall hier“, sagt Michael Fladung. Der Gevelsberger war als Rucksacktourist nach Nepal gekommen. Auf seiner Tour quer durch Asien wollte der 27-Jährige auch den Himalaya-Staat näher kennen lernen. Dann kam das erste Erdbeben. Doch anstatt zu fliehen, blieb Fladung. Und gründete mit anderen Freiwilligen eine eigene Hilfsinitiative.

Michael Fladung hat in Berlin Bauingenieurwesen studiert. Bevor er jedoch ins Berufsleben startet, wollte der junge Gevelsberger ein Jahr lang reisen, die Welt sehen. Eine seiner Stationen: Nepal. Das Land, das knapp zur Hälfte höher als 3 000 Meter über dem Meeresspiegel liegt, wollte er bereisen, seine Leute kennen lernen, das Leben dort verstehen. Und daran teilhaben. Dass er allerdings dabei helfen würde, den notdürftigen Wiederaufbau nach den zwei verheerenden Erdbeben am 25. April und 12. Mai mit anzugehen, hätte sich Michael Fladung nicht träumen lassen, als er in den Himalaya reiste.

Das erste schwere Beben erlebte der Gevelsberger in der Hauptstadt Kathmandu mit, wo er in einem Hostel gemeinsam mit anderen Rucksacktouristen wohnte. „Erst vier Tage nach dem Erdbeben wurde deutlich, was das für Ausmaße in Nepal hatte“, beschreibt Fladung die Situation. Die Sicherheitslage sei schlecht gewesen, die Telekommunikation komplett zusammengebrochen. „Man empfahl uns, aus Nepal auszureisen. Die meisten von uns waren aber schon länger hier und hatten eine gewisse Verbindung zum Land aufgebaut. Die Menschen haben uns immer so herzlich empfangen und willkommen geheißen.“ Für Fladung und seine Bekannten stand daher schnell fest: „Es ist ausgeschlossen, das Land zu verlassen.“ In den Tagen nach dem ersten Erdbeben kümmerte sich die internationale Gruppe zunächst darum, Lebensmittel zu besorgen und zu verteilen. Als dann aber die großen Hilfsorganisationen eine weitestgehende Grundversorgung der leicht zu erreichenden Gebiete gewährleisten konnten, beschloss Fladungs Gruppe, ihre Tätigkeit zu verlagern. „Wir haben dann mehrere Projekte gestartet“, berichtet der ehemalige Schüler des Gevelsberger Gymnasiums. So hätten einige Mitglieder der Gruppe – der sich auch einige Nepalis angeschlossen haben – große Firmen angeschrieben, um Wasserfilter zu organisieren. „Die gingen dann an entlegene Dörfer ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser“, erklärt Fladung. Weitere Mitglieder der privaten Hilfsinitiative hätten medizinisches Material besorgt und verteilt. Wiederum andere Freiwillige seien zum Flughafen von Kathmandu gefahren, wo sie ausreisende Touristen um Hilfe gebeten und nach Schlafsäcken, Zelten, Medikamenten und Geld gefragt hätten. Dies habe sehr viel gebracht, so Michael Fladung.

Der Gevelsberger selbst engagiert sich in einer Gruppe, „die versucht, der Obdachlosigkeit entgegen zu wirken“. Mit einer Gruppenstärke von rund 15 Helfern, die den „harten Kern“ bildeten, machte sich Fladung daran, provisorische Unterkünfte zu errichten. Dabei habe es anfangs Probleme gegeben, so der 27-Jährige, der sich mittlerweile wöchentlich via Internet oder Telefon aus Kathmandu melden kann. „Die nützlichen Materialien waren schnell vergriffen. Wir wollten dann auch nicht noch zur Verknappung des Marktes in Nepal beitragen und schon gar nicht den Schwarzmarkt ankurbeln“, sagt Michael Fladung.

Ein Glück sei es daher, dass in ganz Nepal ausreichend Bambus in den Dörfern wachse, der sich gut als Grundkonstrukt für die Notunterkünfte eigne. Da die Regierung zudem die Einfuhrzölle und –bestimmungen für Hilfsgüter aus dem Ausland aufgehoben habe, konnten Michael Fladung und seine Mitstreiter Planen aus Indien bestellen, die als Überdachung dienten. Das Geld dazu stammte zunächst aus dem privaten Vermögen der freiwilligen Helfer, die mehrere Tausend Euro investierten, um den Einheimischen zu helfen. „Die Bevölkerung könnte sich das einfach nicht leisten“, meint der studierte Bauingenieur. Dass ihm seine Kenntnisse aus dem Studium bei der Konstruktion der Notunterkünfte helfen – eine glückliche Begebenheit.

Vor allem am Geld mangele es allerdings noch immer, lassen die Helfer aus dem Himalaya verlauten. Die UN habe eine dreistellige Millionensumme zur Soforthilfe beantragt. Doch bisher sei davon nur ein Bruchteil angekommen. „Ein Armutszeugnis“, findet Michael Fladung. In den nächsten Wochen beginnt in Nepal die Monsunzeit. „Durch die Obdachlosigkeit und den anstehenden Monsun droht hier eine humanitäre Katastrophe“, unterstreicht der Gevelsberger, dass weitere Hilfe dringend benötigt wird. Mittlerweile seien Hunderttausende ohne Haus und Besitz. „Wir müssen unsere Chance hier nutzen.“ Allerdings fehle es seit dem zweiten Beben an tatkräftigen Helfern, die mit anpackten. „Viele sind dann doch ausgereist. Wir mussten unser Konzept daher jetzt verändern“, so Fladung.

Die Hilfsgruppe baue nun weniger Unterkünfte, dafür aber mit Metalldächern. „Das ist nachhaltiger und kann zum späteren Hausbau wiederverwendet werden“, erklärt der Ingenieur. Der Nachteil sei jedoch, dass die Dächer kostspieliger als die indischen Planen seien. Fünf Menschen könnten unter einem solchen Dach allerdings ein vorläufiges Zuhause finden. „Die Materialkosten belaufen sich auf gut 60 Euro für so eine Unterkunft“, nennt Michael Fladung den Preis, um betroffenen Familien ohne Hab und Gut ein wenig zu helfen. „Auch kleine Spenden machen hier einen großen Unterschied. Ich bitte die Leute in meiner Heimat um dringende Hilfe.“ Wer nicht für Fladungs Arbeit direkt spenden wolle, der könne sich auch an UNICEF wenden. Die weltweite Hilfsorganisation macht, nach Fladungs Meinung, eine gute Arbeit im Himalaya.

In Gevelsberg verfolgen Familie, Freunde und Bekannte die Arbeit im Krisengebiet genau. Fladungs Eltern Sabine und Martin sind um ihren Sohn besorgt, verstehen aber, dass er Nepal nicht verlassen will. „Wir sind froh, dass es ihm gut geht und dass nichts passiert ist. Und es macht uns natürlich stolz, was die jungen Leute dort leisten“, sagt Sabine Fladung. Sie und ihr Mann versuchen, den Sohn im Himalaya nach Kräften zu unterstützen. Die Stadtsparkasse Gevelsberg hat derweil ein Spendenkonto für Michael Fladungs selbstgegründete Hilfsorganisation eingerichtet. „Bisher sind da knapp 1 000 Euro gespendet worden. Das ist großartig“, findet Sabine Fladung. Ihr Sohn will noch einige Zeit vor Ort bleiben.

„Wir haben hier viel gelernt“, sagt Michael Fladung. Dann muss er das Gespräch via Internet beenden, um zu schlafen. Denn am nächsten Tag bricht er erneut in ein entlegenes Dorf auf. Dorthin, wo die Hilfe am nötigsten ist. Und wo sie ohne Fladung und seine Initiative wohl nie ankäme.