Zwangsarbeiter in Rees

Der Vortrag von Christian Kuck über ein dunkles Kapitel war gut besucht.
Der Vortrag von Christian Kuck über ein dunkles Kapitel war gut besucht.
Foto: Jens WachterStorm
Was wir bereits wissen
Christian Kuck schlug in seinem Vortrag ein dunkles Kapitel aus der Kriegszeit auf. Es ging um niederländische Zwangsarbeiter, auch in Rees. Unbequeme Wahrheiten.

Rees..  Ab wann ist ein Mensch ein Zwangsarbeiter – und wie hat er gelebt? Unter anderem dieser Frage ging Christian Kuck, Historiker und Lehrer für Geschichte, Deutsch sowie Werte und Normen an den Berufsbildenden Schulen in Cuxhaven, bei seinem Vortrag „Misshandelt und Umworben? Lebensbedingungen niederländischer Zwangsarbeiter in der rheinisch-westfälischen Kriegswirtschaft des NS-Staates (1940-1945)“ im Koenraad Bosman-Museum nach. Er folgte damit einer Einladung des Reeser Geschichtsvereins (Ressa).

Vielen Niederländern, die in Deutschland gearbeitet haben, wurde in der Heimat später der Vorwurf der Kollaboration gemacht. „Ihr seid doch freiwillig hingegangen“, lautete oft der Vorwurf. Und tatsächlich war die wirtschaftliche Lage in den Niederlanden Mitte und Ende der 1930er Jahre so schlecht, die Arbeitslosenzahlen so hoch, dass die Menschen, aber vor allem der niederländische Staat Menschen dazu gedrängt hat, sich in der Grenzregion eine Arbeit zu suchen. „Oft unter enormen sozialen Druck“, wie Kuck betonte. „Man gehe nach Deutschland, nicht um Politik zu machen, sondern um zu arbeiten“, habe ein führender niederländischer Minister mit Blick auf die politische Situation im Nachbarland gesagt. Bei einer Weigerung drohten empfindliche Abzüge oder Streichungen der Sozialleistungen.

Im Mai 1940 wurden die Niederlande von den Deutschen besetzt. Bis März 1942 waren das Anwerben niederländischer Arbeitskräfte und die Arbeitsbedingungen derer in Deutschland noch recht gut vertraglich geregelt. Doch dann änderte sich der Stil. Es wurden Zentralkarteien angelegt, in denen jeder Arbeitslose sich eintragen musste, es wurden Vorgaben an niederländische Betriebe weitergegeben, die eine bestimmte Zahl von Arbeitern abstellen mussten – vorzugsweise junge unverheiratete Männer. Wer in Deutschland seiner Arbeit nicht nachging, wurde strafrechtlich verfolgt und mit Haft bestraft. Jedoch ging es, so Kuck, den meisten niederländischen, dänischen und belgischen Arbeitern, sogenannten Westarbeitern, meistens deutlich besser als denen aus Polen und der Sowjetunion. Sie hätten bei Privatfamilien unterkommen dürfen, was allerdings nur ganz selten der Fall war, wohnten aber dennoch in unbewachten und nicht eingezäunten Lagern. Auch die Anzahl der Menschen pro Stube sei geringer gewesen. Außerdem habe es aufgrund der geringen Sprachbarriere häufiger Kontakte zwischen den niederländischen und den deutschen Arbeitern gegeben.

Zwischen Herbst 1943 und Mai 1945 kam es zu einer weiteren Zuspitzung. Es wurden flächendeckende Razzien und Deportationen veranlasst. Auf Fußmärschen und in Eisenbahnwaggons wurden die mehr oder weniger arbeitsfähigen Menschen auf unwürdige Art und Weise und oft ohne Lebensmittel, auf die vier- bis fünftägige Fahrt nach Deutschland geschickt. „Das sind die Menschen, die wir in erster Linie auch in Rees finden.“ Wobei gerade Rees, das zwar dem Namen nach ein Arbeitslager war, de facto aber eher Zustände wie in einem Konzentrationslager hatte, noch heute vielen Niederländern ein Begriff ist – und das im negativen Sinn. Kuck erläuterte, dass die Augenzeugenberichte und Tagebücher zeigten, in welch katastrophalem Zustand die Menschen gehaust hätten. Auch die medizinische Versorgung sei mangelhaft gewesen, was zu dieser Zeit in nahezu allen Lagern der Fall war.

Sonderfall Rees

Und doch: Rees sei schon eine Art Sonderfall, so Kuck. Auch weil die Aufseher und Lagerleiter schon einen gewissen Spielraum in der Behandlung der Menschen gehabt hätten, so Kuck in Rees allerdings nur selten davon Gebrauch gemacht hätten. „Die Verhältnisse hätten entschärft werden können“, ist sich Kuck sicher. Und noch eines stellt er klar: Die Bevölkerung wusste Bescheid. In welchem Rahmen jeder einzelne etwas wusste, sei zwar nicht so pauschal zu klären, aber: „Zwangsarbeit ist ein Phänomen, das sich nicht im Verborgenen abspielt.“