Wie ein Missverständnis vor Gericht landet

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Rees/Emmerich..  30 Jahre in Deutschland war sie „nur“ Hausfrau und hat nie eine Anstellung angenommen. Im Juni 2014 ergab sich dann die Möglichkeit, bei einem Landwirt in Rees bei der Erdbeeren-Ernte zu helfen. Eine Chance, das magere Familieneinkommen – Hartz IV – ein bisschen aufzubessern. Doch beinahe wäre der achtfachen Mutter das zum Verhängnis geworden. Es war ein Missverständnis.

Betrug? Verteidiger wundert sich

Der Reihe nach: Am Montag musste sich der Ehemann, ein 53-jähriger Reeser mit türkischen Wurzeln, vor dem Emmericher Amtsgericht verantworten. Er, der das Arbeitslosengeld II bezieht, hatte die kurzzeitige Beschäftigung seiner Frau nicht angegeben, die aber hätte angerechnet werden müssen. 680 Euro sind in den betreffenden Monaten Mai und Juni zu viel ausgezahlt worden. „Sie hat Geld verdient, Sie wissen, dass Sie das hätten melden müssen?“ fragte Richterin Dr. Christiane Schmitz. „Ja“, sagte der Angeklagte. Und erklärte, seine Frau, die schlecht deutsch spricht, dazu weder Lesen noch Schreiben kann, hätte dem Landwirt die Hartz-IV-Situation erklärt. „Er sagte darauf: ,Bringen Sie die Sozialversicherungsbescheinigung mit und dann melde ich mich’“, so der Angeklagte. Daraus hat die Frau wohl verstanden, der Arbeitgeber würde die Arbeit „beim Jobcenter melden“. Als die Ehefrau später wegen einer anderen Angelegenheit beim Sozialamt war, habe man sie zudem gefragt, ob sie arbeite. Dazu habe sie klar „Ja“ gesagt. Also auch nichts verschleiert.

„Es war ein Missverständnis“, bat der 53-Jährige, der nach zwei Bandscheibenvorfällen und zwei Herzinfarkten kaum noch arbeiten kann, um Verständnis. Praktisch sei die Angelegenheit eigentlich auch schon geregelt. Monatlich werden der Bedarfsgemeinschaft aktuell 105 Euro weniger ausgezahlt, um das zu viel erhaltene Geld abzustottern. „Es geht alles seinen geregelten Gang“, sagte der Verteidiger, „aber wie man überhaupt auf die Idee verfallen kann, da einen Betrug zu sehen, das verstehe ich nicht.“

Schlussendlich wurde das Verfahren eingestellt. Allerdings muss der Angeklagte seine Kosten und die des Verteidigers tragen.