Wenn man im Reeser Stadtgraben ertrinkt

Klaus Kuhlen (r.) und Hermann Venhofen, Vorstandsmitglieder bei Ressa, übertragen Sterbelisten aus Kirchenbücher in Excel-Dateien fürs Stadtarchiv.Foto:Thorsten Lindekamp
Klaus Kuhlen (r.) und Hermann Venhofen, Vorstandsmitglieder bei Ressa, übertragen Sterbelisten aus Kirchenbücher in Excel-Dateien fürs Stadtarchiv.Foto:Thorsten Lindekamp
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Was wir bereits wissen
Vier Herren vom Reeser Geschichtsverein übertragen Sterbefälle aus Original-Kirchenbüchern in Tabellen. Kuriose Todesursachen findet man in den Annalen

Rees..  Es ist eine spannende Geschichte, in alten Kirchenbüchern zu lesen, mühsam allerdings, die Eintragungen zu entziffern. Der Reeser Geschichtsverein Ressa hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Langzeitgedächtnis der Stadt, das nämlich ist das Stadtarchiv, zu füttern. So haben sich vier Herren ehrenamtlich dazu bereit erklärt, die Kirchenbücher abzuschreiben und tabellarisch anzulegen.

CDs vom Bistumsarchiv

„Die Kirchenbücher vom St. Mariä Himmelfahrt lagerten im Bistumsarchiv in Münster“, erläutert Klaus Kuhlen, stellvertretender Vorsitzender von Ressa. „Ahnenforscher, die sich für die Kirchenbücher interessierten, mussten nach Münster fahren, um sie einsehen zu können. Daher wollten wir die Bücher nach Rees holen, um sie zu digitalisieren.“ Das waren sie aber schon, so dass die Archivarin Dr. Fleck dem Reeser Stadtarchiv die „Digitalisate“ in Form von zwei CDs übermittelte. Allerdings dürfen diese Dateien nur im Stadtarchiv eingesehen werden. „Dazu müssen Interessierte sich telefonisch bei mir anmelden“, so Stadtarchivarin Tina Oostendorp. Einzusehen ist der Inhalt von 16 Büchern, davon reichen die Taufbücher bis 1633 zurück, Hochzeiten sind sogar seit 1626 verzeichnet und die Sterbebücher beginnen 1703. „Allerdings gibt es in den Büchern große Lücken, so fehlen in einem Buch 20 bis 30 Jahre, als sei in dieser Zeit niemand verstorben“, resümiert Klaus Kuhlen.

Um Ahnenforschern die Arbeit zu erleichtern, haben sich die Ehrenamtler bereiterklärt, die Datensätze abzutippen und in eine Computer-Tabelle zu übertragen. „Wir sind mit den Sterbebüchern angefangen“, erzählt Hermann Venhofen. „Durch die Excel-Tabelle kann man die Daten alphabetisch sortieren und wird schnell fündig.“ Was zu Überraschungen führen kann. „Nach meiner Ahnenforschung geht unsere Familie zurück auf eine sehr wohlhabende Familie, die soviel Geld und Gut dem Franziskanerinnen-Kloster schenkte, dass sie auf der zweiten Stufe der Kirche, neben dem Altar, beigesetzt wurde.“ Doch jetzt stieß Hermann Venhofen auf einen Ahn, der sich ebenfalls mit ‘f’ schrieb. „Und der starb an Auszehrung!“, erzählt das Ressa-Mitglied schmunzelnd. Seine Kollegen necken ihn schon: „Na, du entstammst wohl doch keiner wohlhabenden Sippe!“

Viele Beispiele von Kuriositäten findet man in den Kirchenbüchern, in denen Familienstand, Eltern, Alter, Todesdatum und -ursache, manchmal auch vorausgegangene Krankheiten, niedergeschrieben sind. Wie von jenem Herrn aus Esserden, der auf dem Heimweg im Reeser Stadtgraben nach einem Saufgelage ertrunken ist. „Wäre er mal lieber gleich zu Markett gegangen“, amüsieren sich die Ehrenamtler. Was ihnen auch aufgefallen ist: viele Namen finden sich im heutigen Rees gar nicht mehr wieder. Es tun sich auch Fragen auf: Warum begingen in einer Woche drei Menschen Selbstmord?

Nur für Lateiner

In den ganz frühen Büchern ist die Todesursache in Latein verfasst. So lautete eine Todesursache: tactus ala molendini. Die Diagnose kennt weniger ein Arzt als ein Lateiner: von den Flügeln der Mühle getroffen. Es war wohl der Müller.

Ressa hat nun kleine Arbeitsgruppen gebildet und 8500 Datensätze untereinander aufgeteilt. In einem halben Jahr sind die Daten erfassen. Helmut Heckmann will sie dann im DIN A3-Format drucken lassen. Im Internet werden sie dann ebenfalls einsehbar sein.