Wenn die Persönlichkeit im Sozialen Jahr wächst

Was wir bereits wissen
Die Emmericher Abiturientin Michelle Reintjes absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr – und scheint ihre Lebensorientierung und Berufswahl im Wohnverbund mit Menschen mit Behinderung gefunden zu haben.

Emmerich..  Nein, die vermutlich interessanteste Frage des Vormittags beantwortet Michelle Reintjes nicht profan. „Mein schönstes Erlebnis?“, wiederholt die angehende Heilerziehungspflegerin, um ein wenig Gedankenzeit für die Antwort zu gewinnen. Dann spricht sie den Kernsatz. Und strahlt. „Das Freiwillige Soziale Jahr hat mich wachsen lassen.“ Damit sind natürlich nicht die blonden Haare gemeint. Die Abiturientin kümmert sich seit ihrem Schulabschluss im Frühjahr 2014 um Menschen mit Behinderungen. Und zwar um jene, die im Wohnverbund des Landesverbandes Rheinland (LVR) an der Nierenberger Straße leben.

Gewachsen ist Michelle Reintjes bei ihrem täglichen Tun in ihrer Persönlichkeit. Und auch an der Aufgabe, die Bewohner stets zu unterstützen. „Jeden Tag gibt es für mich eine kleine Herausforderung. Das hält die Aufgabe spannend und lässt mich mit den Bewohnern zusammenwachsen. Ich habe im Umgang mit den Menschen gelernt, leichter und offener auf andere zuzugehen.“

Auf eine feste Stelle hinarbeiten

Vermutlich wird aus einem zweiwöchigen Ferienpraktikum plus dem Sozialen Jahr hintendran mehr. Mehr heißt: eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin, die zwei Jahre Schule am LVR-Kolleg in Bedburg-Hau sowie ein berufspraktisches Jahr beinhaltet. Bisher durfte Michelle Reintjes „nur“ unterstützen, was Alltag oder Freizeit anbetrifft. Nicht pflegen. Jetzt arbeitet sie auf eine feste Stelle hin. Um von der Arbeit leben zu können. Im Freiwilligen Sozialen Jahr gibt es schließlich „nur“ rund 400 Euro an Unterstützung im Monat.

Dagmar Herbers, die erfahrene Teamleiterin des Wohnverbandes an der Nierenberger Straße, sieht in frei(willig)en Mitarbeitern auch Brückenbauer nach außen, um das fundamentale Thema Inklusion, das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, in der Gesellschaft mehr zu verankern. „Es ist dazu stets aufs Neue verblüffend, wie offen und ehrlich Behinderte sind“, hebt Herbers hervor.

Michelle Reintjes stimmt da zu: „Am Abend vor meinem Start hier habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, wie es wird und ob das für mich der richtige Schritt sei. Ein Jahr ist ja eine lange Zeit. Als dann die Haustür am anderen Morgen aufging und ich herzlich empfangen wurde, hatte ich schnell das Gefühl, dazuzugehören.“

Die Abiturientin ist, was ihre Lebensorientierung und letztliche Berufswahl anbetrifft, „vorbelastet“: eine Tante und ein Onkel sind als Heilerziehungspfleger unterwegs. „Meine Münchener Tante hatte mich schon mit in ihr Haus genommen, damit ich einen Eindruck von der Arbeit bekomme.“ Michelle Reintjes hat offenbar ihren Berufswunsch gefunden.