Wenn aus einem Pflasterstein Fußtritte ins Gesicht werden

Im Asylbewerberheim sind sich die verschiedenen Nationalitäten offenbar nicht immer grün.
Im Asylbewerberheim sind sich die verschiedenen Nationalitäten offenbar nicht immer grün.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Bei einer Schlägerei im Asylbewerberheim in Rees wurde ein 31-jähriger Marokkaner im Gesicht verletzt. Ein 47-jähriger Algerier soll allerdings keinen Stein geworfen, sondern die Füße benutzt haben.

Rees/Emmerich..  Wer schon einmal in einem Gerichtssaal gesessen hat, wird die obligatorische richterliche Belehrung kennen, nämlich als Zeuge doch bitteschön die Wahrheit zu sagen, weil eine Falschaussage mit einer Gefängnisstrafe enden kann. Im vorliegenden Amtsgerichtsfalle scheint das Aufklärungsgebet offenbar für die Katz’ zu sein. Auch am zweiten Verhandlungstag zum angeblichen Pflastersteinwurf im Asylbewerberheim am Melatenweg Mitte März 2014 staunte Richterin Dr. Christiane Schmitz zwischenzeitlich Bauklötze in die Luft.

Fünf Tage im Krankenhaus

Der Kronzeuge jedenfalls wartete nun mit einer ganz neuen Version auf, wie sein Nasenbeinbruch nebst schwerer Prellungen und Schürwunden plus fünf Tage Krankenhausaufenthalt zustande gekommen seien: „Es ist kein Stein geflogen, er hat mich mit den Füßen ins Gesicht getreten.“ Der 31-jährige Marokkaner L. deutete dabei auf den 47-jährigen Algerier H., der auf dem Anklagestuhl hockte. Der schüttelte abwertend lächelnd den Kopf, als er den Ausführungen des Zeugen auf Arabisch lauschte.

Der aktuell wegen eines anderen Vergehens in der Justizvollzugsanstalt Kleve einsitzende Zeuge verhedderte sich in Widersprüche, wurde aber von Richterin Schmitz und der Staatsanwältin nicht intensiv genug ins Gebet genommen.

Erst schilderte L. grob eine Schlägerei in seinem Zimmer im Asylbewerberheim. „Ich hatte getrunken. Es gab Streit zwischen mir und H., er ist mein Nachbar. Wir haben uns geschlagen. Er hat angefangen und mich mit seinen Füßen ins Gesicht getreten. Ich war fast ohnmächtig.“ Gleichwohl erklärte der Zeuge, noch die Polizei angerufen zu haben.

Dass der imaginäre Stein des Anstoßes nicht in der Wohnung des Zeugen herumgelegen haben dürfte, versteht sich von selbst. Der Zeuge verlegte die Schlägerei im Laufe seiner Aussage denn auch unter den freien Himmel. Wollte dazu den geworfenen Stein der Polizei übergeben haben. Trotz schweren Brummschädels. „Der Pflasterstein hat nicht meinen Kopf getroffen. H. hat den Stein nur zu Boden geworfen.“

Bei der Polizei hatte L. übrigens ausgesagt, vor der Container-Wohnung einen Stein ins Gesicht bekommen zu haben. Konfrontiert mit dieser Aussage erklärte L. lapidar, er hätte vielleicht nicht alles verstanden damals. Als Übersetzer war, wie auch jetzt im Gericht, der angesehene Bocholter Dolmetscher Adel Omar tätig.

Dazu erklärte der Kronzeuge, er hätte sich mit dem Angeklagten wieder versöhnt. Was der allerdings verneinte. „L. schlägt dauernd um sich, trinkt viel. Ich mische mich helfend ein, wenn zwei sich streiten und bin hinterher dann der Böse“, entgegnete H.

Bemerkenswert: Vor drei Wochen schon hatten drei Zeugen ihre Polizei-Aussage, der Algerier hätte den Marokkaner per Steinwurf verletzt, vor dem Amtsgericht widerrufen. Am 1. Juni soll der zuständige Polizei-Hauptkommissar den gordischen Knoten entwirren.