Von der Freiheit, nicht mehr verkleidet sein zu müssen
22.12.2008 | 10:11 Uhr 2008-12-22T10:11:00+0100
Eine zupackende Künstlerin: Leonie Pawlak aus Emmerich und ihre farbintensiven Bilder in der Bibliothek in 's-Heerenberg.
Soviel Farbe war nie. Leonie Pawlak geht verschwenderisch, ja gerade-zu lustvoll mit dem roten, blauen und gelben Öl um, das für sie auch etwas Sinnliches hat: "Ich rieche gerne das Öl an meinen Händen", bekennt die Emmericherin. 23 Ölbilder auf Papier und Leinwand sind im Juli und August in der Bibliothek 's-Heerenberg zu sehen. Die Ölbilder sind meist kleinformatig und dienen als Vorstudien für größere Werke. Meist sind Augenblicke festgehalten, die Menschen in typischer Gebärde und Mimik zeigen: "Bei manchen Menschen äußert sich der ganze Charakter in einer Geste", sagt Leonie Pawlak.
Typisch dafür ist der "Kaffeeklatsch", der verschiedene Frauentypen im Gespräch zeigt. Das gilt ebenso für die Dreiergruppe vor dem "Tingeltangel". In fünf Bildern, die Märchenmotive aufnehmen, werden menschliche Befindlichkeiten verfremdet, überspitzt. Und in den wieder realistischeren Szenen "Mann mit Cello", "Frau mit Esel" und "Frau mit Kuh" stehen Mensch und Tier im Austausch.
Es ist die zweite Ausstellung von Leonie Pawlak in der Bibliothek: "Ich bin seit langem Mitglied der Bücherei, da herrscht eine nette Atmosphäre." Leonie Pawlak hat eine starke Affinität zum Niederländischen. Sie hat, als sie noch im Schuldienst war, auch Niederländisch unterrichtet und in dieser Zeit häufig Bücher ausgeliehen. Vom künstlerischen Standpunkt her fasziniert Leonie Pawlak das Wasser - die Nordsee liegt vor der Haustür: "Meine Landschaft ist die See oder das Meer - oder ganz knallig Indien mit seiner Farb- und Geruchsintensität." Das Exotische zog sie schon immer an.
Leonie Pawlak schätzt vor allem die Menschen im Nachbarland: "Die Leute sind freundlich und aufgeschlossen und nicht so kompliziert." Einem Niederländer fühlte sie sich besonders eng verbunden, doch das Glück währte kurz. Herzinfarkt im Garten. Leonie Pawlak zog von Petten aan Zee zurück nach Emmerich. Der schmerzvolle Einschnitt berührte auch die Kunst: "Ich habe Bilder, die ich nicht mehr ausstelle, weil sie mir zu privat sind." Gelassener ist sie geworden, sie schaut, was der neue Tag ihr bietet: "Früher musste ich immer alles sofort erledigen. Ich war früher sicher im Urteil, wie ich die Welte sehe. Heute weiß ich, es gibt verschiedene Sichtweisen."
Leonie Pawlak mag es gar nicht, in Schubladen und Kästchen gesteckt zuwerden. Nach vielen Jahren im Laufrad des Schulsystems genießt sie das Leben ohne Grenzen und Begrenzungen, die neue Freiheit. des Künstlers, das etwas anders sein zu dürfen. "Das Elternsprechtagskostüm habe ich vor Jahren ausrangiert, jetzt fühle ich mich nicht mehr verkleidet." Sie lernt seit anderthalb Jahren das Klavierspielen und setzt sich für eine Seniorenvertreung in Emmerich ein. Sie ist ihrer 1971 gestorbenen Mutter Anne, einer Kriegerwitwe, die sich mit der Tochter in Buer-Reese alleine durchschlagen musste, längst nicht mehr gram, dass sie ihre Tochter nicht die Folkwang-Schule in Essen besuchen, sondern den Lehrberuf ergreifen ließ: "Jeder Mensch kann drei, vier Berufe ausüben, ohne dass er dabei unglücklich wird." Leonie Pawlak studierte in Münster und Köln und nahm die Stelle am Hansagymnasium in Emmerich (später unterrichtete sie am Gymnasium Aspel) an. Ganz freiwillig: "Das war ungewöhnlich. Aber ich hatte einen Freund in den Niederlanden, und Emmerich lag so schön an der Autobahn..."
Das Bild, meinen viele, habe was von Chagall.
0mitdiskutieren