Tolles Beispiel für gelungene Integration in Emmerich

Godwillwin (li.) und Auriaque Towenou neben der Willibrord-
Godwillwin (li.) und Auriaque Towenou neben der Willibrord-
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Godwillwin und Auriaque Towenou kamen 2009 aus dem Benin nach Emmerich. Am Willibrord-Gymnasium gelten die Brüder als Vorzeigeschüler.

Emmerich..  Als Godwillwin und Auriaque Towenou im September 2009 nach Deutschland kamen, fanden sie es reichlich kalt in Deutschland. Jetzt, gut sechs Jahre später, stehen die beiden Brüder aus dem westafrikanischen Benin für ein herzerwärmendes Beispiel an positiver Integration.

Damals, als ihr seit 2001 in Emmerich lebender Vater Cyriaque Towenou die Söhne rüber holte, sprachen sie kein Wort Deutsch. Doch. Etwas hatten sie parat: „Auf Wiedersehen.“ Sie sind nämlich sehr höflich. Im Frühjahr wird Godwillwin (18) sehr wahrscheinlich der erste schwarzafrikanische Schüler des Willibrord-Gymnasiums sein, der das Abitur meistert. Auriaque (17) ist dann 2017 an der Reihe. Und ihre vor drei Jahren nach Emmerich gefolgte Schwester Willriaque (11) besucht aktuell die Klasse 6.

„Abitur light“ gibt es nicht

Godwillwin weiß noch, was er ganz am Anfang seiner Zeit in Emmerich empfand: „Alles war anders. Man fühlt sich fremd und versteht nicht, was die Leute sagen. Aber sie waren sehr offen. Wir haben uns schnell willkommen gefühlt“, sagt der Zwölftklässler (Q2). „Wir sind ziemlich schnell in die Schule gekommen. Bisher kannten wir solche Bilder nur aus dem Fernsehen“, umschreibt Auriaque (Q1) seine ersten Impressionen vom Schulgebäude. Natürlich richteten sich die Blicke der Mitschüler auf die Neuen, die so anders sind als sie. Auriaque gibt zu, dass er die Aufmerksamkeit genossen hat. Die Brüder sind sehr offenherzig und fanden schnell Kontakte. Dass man als Fremder auch mal Anfeindungen erlebt, verhehlen die Towenous nicht. Als markantestes Beispiel nennen sie die ständig platten Reifen an ihren Fahrrädern. Das seien dann wohl Kinderstreiche, denen auch deutsche Kinder ausgesetzt seien.

Parallel zum regulären Unterricht absolvierten sie einen Deutsch-Kurs. Bis dahin sprachen sie Französisch und Englisch. Im Englisch-Unterricht, berichtet Schulleiterin Inge Hieret-McKay, beflügelten sie auch die Mitschüler, die nun in der 5. bzw. 6. Klasse auch den Mut fanden, ihre ersten Englisch-Kenntnisse einzusetzen. Sie wollten ja mit den Brüdern sprechen.

Hieret-McKay präsentiert nicht ohne Stolz ihre beiden Vorzeige-Schüler. Denn sie sind auch ein Beispiel gelungener Integrationsbemühungen an ihrer Penne. „Die Lehrer sind wirklich alle sehr hilfsbereit“, unterstreicht Auriaque. Dem Kollegium war klar: Das ist ein Experiment. Denn ein „Abitur light“ gibt es nicht. Die Afrikaner sind trotz aller Umstände gefordert wie jeder andere Schüler auch.

Bald werden sie getauft

An der Motivation sollte es nicht mangeln. Eine Beobachtung, die heute auch in der VKL, der Vorbereitungsklasse für Flüchtlingskinder am Gymnasium, gemacht werden kann. Die aktuelle Flüchtlingswelle lässt die Brüder, die damals bequem im Flieger einreisten, nicht unbeeindruckt. „Das geht mir direkt ans Herz. Sie kommen aus der Not. Wir sollten sie willkommen heißen. Ich gucke selbst auch, wie ich helfen kann“, sagt Godwillwin, der sich gut in die Lage der Neuankömmlinge versetzen kann. „Keiner verlässt seine Heimat, wenn es nicht nötig wäre“, ergänzt Auriaque.

Schulleiterin McKay richtet den Blick auf die Flüchtlingskinder: „Sie werden nie gefragt. Sie müssen mit.“ Und das gelte nicht nur für Kinder aus Kriegsgebieten. Auch die Kinder polnischer und niederländischer Migranten haben mal Heimweh. Bei all dem Leistungsdruck am Gymnasium dürfe man nicht vergessen diese Kinder mal zu fragen, wie es ihnen geht. Es herrsche eine Stimmung des Umbruchs. Schule definiere sich neu.

In Emmerich sind die Brüder auch als echte Sportskanonen bekannt. Sie spielen für Basket Emmerich. Waren vorher auch im Fußballverein aktiv. Beide haben sich für Trainer-Aktivitäten im Basketball angeboten. Während sich Godwillwin im Moment mehr Zeit für die Abi-Vorbereitungen nimmt, trainiert Auriaque die U16.

Nach dem Abi möchte Godwillwin zum Militär. Über die Bundeswehr peilt er ein Sport-Orthopädie-Studium an. Auch Auriaque liebäugelt mit einer Militärkarriere – im Idealfall als Pilot: „Meine Interessen sind aber breit gefächert. Ich könnte auch was in der Gastronomie oder in der Pädagogik machen. Ich bin seit vier Jahren bei der Emmericher Jugendfeuerwehr und habe Teamarbeit zu schätzen gelernt.“ Für den jüngeren Brüder soll der Weg irgendwann auch zurück in die Heimat führen: „Ich will im Benin etwas aufbauen.“

Übrigens, die Brüder werden demnächst von Pfarrer Dr. Jan Heiner Schneider getauft. Als Christen sehen sie sich schon länger. Auf Weihnachten haben sie sich auch sehr gefreut. „Vielleicht fahren wir wieder mit unserem Papa nach Paris. Echte Familienzeit“, sagte Godwillwin vor den Festtagen.

Auriaque erinnert sich noch an seinen ersten Schwimmunterricht bei Lehrer Tim Nebelung: „Ich wäre fast ertrunken. Ich konnte nicht schwimmen, bin aber ins Wasser gesprungen. Da habe ich gemerkt, dass es nicht nur eine Wasserpfütze ist, wie das in Afrika war.“

Außer der Kälte gab’s noch einen Kulturschock: das Essen. „Am Anfang haben wir bewusst viele deutsche Gerichte gegessen. Es schmeckt so anders“, sagt Godwillwin. Heute sagt Auriaque: „Ich mag dieses Sauerkraut irgendwie.“ Manchmal kochen sie auch Speisen aus der Heimat wie Foufou, einem Brei aus der Yams-Wurzel, serviert mit Erdnusssauce. „Unsere deutschen Freunde mochten es auch“, so Godwillwin.