Rente? „Ich bin noch voller Elan!“

Anita Husemann mit einem Kommunionkleid in ihrem Brautmodengeschäft:
Anita Husemann mit einem Kommunionkleid in ihrem Brautmodengeschäft:
Foto: Funke Foto Services

Elten..  Chic oder shit? Elegant oder schlicht? Wenn’s darum geht, was Menschen zum Fest steht, macht Anita Husemann kaum jemand etwas vor. Die gebürtige Sterkraderin hat den gewissen Blick dafür, wie man vermeintlich Verzweifelten nach gestellter Kleiderfrage ein Strahlen aufs Gesicht zaubern kann. Obwohl sie längst im gesetzlichen Rentenalter ist – „Siebzig plus X“, wie sie schmunzelnd sagt – läuft das Geschäft am Machutusweg 8 in Elten immer noch.

Den Lebenstraum verwirklicht

Und es ist längst nicht Schluss. Die Diskussion über eine mögliche Rente erst mit 70 Jahre, wie kürzlich die NRZ nach dem Vorschlag von Bundesarbeitsagentur-Chef Frank-Josef Weise in einem Artikel aufgegriffen hatte, ist für Anita Husemann keine. „Ich habe meinen Lebenstraum verwirklicht und bin immer noch voller Elan“, sagt sie, „ich mache das, was mir Spaß macht. Das hält mich aktiv und fit.“

Vor gut 30 Jahren setzte die gelernte Schneiderin ihren Herzenswunsch in die Tat um. Und eröffnete ein Brautmodenatelier. Eine Kasselaner Firma, deren Ansprechpartner sie über einen Messe-Kontakt kennengelernt hatte, machte ihr ein Vertriebsangebot. „Alle hatten mir damals abgeraten. Ich wollte aber meinen Traum leben. Das mache ich bis heute“, sagt Husemann. Nicht ohne Stolz.

Mut gehörte dazu. Aber auch die relative Gewissheit, nicht ins Bodenlose zu stürzen, sollte sich das Geschäft als Seifenblase outen, wie alle Ratgebenden prognostiziert hatten. Ehemann Karl war schließlich damals beim Zoll beschäftigt.

Mit dem Tag der offenen Tür gelang ein prächtiger Reklamestart, der über Eltens Grenzen hinaus wirkte. Die Kundschaft kommt auch aus den Niederlanden und selbst noch aus der alten Oberhausener Heimat.

Die Unternehmerin hat immer noch „Arbeit für eine Dreiviertelstelle“. Ob Samstag, Sonntag oder unter der Woche nach 18 Uhr: Die Zeit spielt bei festen Terminen keine Rolle. Sollte sie auch nicht. Wer das Kleidungsstück für einen der schönsten Tage des Lebens sucht, der braucht Muße, Mut, Anlauf und Überzeugung.

Im Hauskeller können Husemanns Kunden vor einem bodenhohen Spiegel und einer hellen Festsaal-Kulisse mit vier Rundtischen die Schmuckstücke ausprobieren. Ganz in Ruhe. Und so auch die Feierlichkeit auf dem Mini-Laufsteg ein wenig simulieren.

Selbst in Zeiten des Internets ist Beratung wertvoll. „Für jeden Typ gibt es ein schönes Stück“, sagt Husemann, die gelegentlich noch schneidert. Emmerichs Karnevalsprinzessin Anna-Lena Böcker bekam für die Session 2013 einen bodenlangen Traum aus Rot und Weiß. Thronkleider für Schützenoberhäupter sind auch zu haben.

Wenn Kinderaugen strahlen

Aktuell hat es Husemann allerdings die (meist weiße) Kleidung von Kommunionkindern angetan. „Alle wollen chic sein. Auch Kinder strahlen, wenn sie es sind.“

Geht es um eine Hochzeit, dann ist Anita Husemann oft und gern die Ankleidedame: „Es ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit, wenn ich hinterher höre, dass alles toll war.“ Und vermutlich die beste Motivation dafür, sich weiterhin nicht zu den Rentnern zählen zu wollen.