Pflasterstein landete im Gesicht

Emmerich/Rees..  Adel Omar hatte im Amtsgericht an der Seufzerallee das Wort. Überwiegend jedenfalls. Der Profiübersetzer, seit fast 30 Jahren von Bocholt aus tätig, lenkte einen Fall von schwerer Körperverletzung aus dem Reeser Asylbewerberheim am Melatenweg. Dies vom Arabischen ins Deutsche. Und wieder zurück. Grund: Der Angeklagte ist algerischer Abstammung, die drei Zeugen stammen aus Nordafrika oder dem Nahen Osten. Allesamt waren der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig.

Richterin Dr. Christiane Schmitz brauchte Nerven und Gespür, musste den Fall aber letztlich vertagen. Grund: Der Kronzeuge, dem der Angeklagte während eines Streit auf dem Gelände des Asylbewerberheimes im März 2014 einen Pflasterstein ins Gesicht geworfen haben soll, fehlte unentschuldigt. Kassierte dafür eine Geldstrafe in Höhe von 150 Euro. Ob er die bezahlen kann, ist natürlich fraglich.

Der 47-jährige Angeklagte, der nach eigener Aussage seit vier Jahren abgeschoben werden soll, verlangte nach einem Pflichtverteidiger. Sein Standardsatz lautete gestern: „Ich hab’s nicht getan.“ Dazu mischte er sich mehr als einmal in den ordentlichen Gerichtsablauf ein. Richterin Schmitz lehnte den Antrag auf einen eigenen Anwalt denn auch ab: „Sie haben hier doch ausgiebig bewiesen, dass sie sich selbst verteidigen wollen und können.“

Drei Zeugenaussagen bei der Polizei identifizierten den gebürtigen Algerier als Täter. Der habe an einem Abend Anfang März 2014 einen offenbar angetrunkenen und randalierenden Mitbewohner zur Räson bringen wollen. Als der nicht hören wollte und sogar ein Messer gezogen hatte, flog offenbar der Pflasterstein. Mitten ins Gesicht. Krankenwagen und Polizei waren zügig vor Ort. Der Verletzte zog sich einen Nasenbruch sowie schwere Prellungen und Schnittwunden im Gesicht zu.

Gestern widersprachen die Zeugen allerdings ihren Polizeiaussagen. Ganz offenbar auch aus Angst vor dem Angeklagten, der allein aufgrund seines Alters möglicherweise als Chef des Melatenweg-Heimes gelten könnte. So jedenfalls vermutete es Richterin Schmitz.

Es gäbe öfter Streit im Heim, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel seien, erklärte ein 29-jähriger Zeuge. Ein 32-jähriger Kollege behauptete, er hätte bei der Polizei anders ausgesagt, geriet aber beim Betrachten des von ihm unterschriebenen Papiers in Erklärungsnotstand: „Ich hatte da großen Stress und bin durcheinandergekommen.“

Dem zweiten Zeugen rieb Richterin Schmitz mit Hilfe der Staatsanwältin unter die Nase, dass bei einer Falschaussage vor Gericht ein Freiheitsentzug zwischen drei Monaten und fünf Jahren drohe. Doch mit Blick auf den Angeklagten ließ sich keiner der drei arbeitslosen Asylbewerber auf eine klare Aussage zum Pflastersteinwurf ein.