Nicht Drahtzieher, aber Mitwisser

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Emmerich/Kleve..  Offene Rechnungen sollte man besser begleichen. Ansonsten kann das weitreichende Folgen haben. Vor allem dann, wenn man – umgangssprachlich gesehen – Leichen im Keller hat. So wie im Falle eines 56-jährigen Niederländers aus Emmerich, der sich gestern vor dem Landgericht Kleve verantworten musste. Handel mit Betäubungsmitteln in nicht unerheblicher Menge wurde dem gelernten Elektriker zu Lasten gelegt. Wegen Beihilfe verurteilte der vorsitzende Richter Gerhard van Gemmeren den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten.

Eine Gerichtsvollzieherin, die zusammen mit den Emmericher Stadtwerken den Strom wegen nicht beglichener Rechnungen abstellen wollte, hatte im Keller des Hauses eine kurz zuvor abgeerntete Cannabis-Plantage entdeckt. Kein Wunder: Hatte sich die Kleverin doch fünf Tage zuvor angekündigt. Nur noch Teile des Equipments wie spezielle Leuchten und 745 leere Pflanzenkübel konnte die hinzugerufene Polizei sicherstellen. Rund 19 Kilogramm Marihuana mit einem Marktwert von rund 100 000 Euro waren hier kurz zuvor abgeerntet worden. Nur: Durch wen?

Selber zur Polizei gegangen

In dem Haus, das seinem Chef gehört, wohnte der angeklagte Niederländer allein. Als er nach dem Besuch der Gerichtsvollzieherin wieder heim kam, stand er vor versiegelten Türen. Seine Reaktion: Er suchte die Polizei auf. Dort waren die Beamten fassungslos: Der dringend Tatverdächtige spazierte einfach zu Tür hinein. Seit diesem Tag im Mai 2012 sitzt er in Untersuchungshaft in der Klever Justizvollzugsanstalt. In Handschellen kam er daher in den Gerichtssaal, in dem seine Mutter, als auch Emmericher Nachbarn den Prozess verfolgten.

In dem beteuerte der 56-Jährige seine Unschuld: „Ich habe mit Drogen nie etwas zu tun gehabt“. In der Tat: Auffällig wegen Drogenbesitzes war er bisher nie – weder in den Niederlanden, noch in Deutschland. Anders hingegen sein Arbeitgeber, für den er eigentlich im Innenausbau tätig war. „Krumme Geschäfte“, sagten diesem Arbeitskollegen des Angeklagten nach. Auch das Strafregister ist gut gefüllt. Gegen den Niederländer wird derzeit ermittelt. Eine Aussage gestern vor Gericht machte er daher nicht.

Der Angeklagte schon. Von der Plantage unten im Keller wollte er nichts bemerkt haben. Sei er doch kaum zu Hause gewesen. Nachbarn, die auch als Zeugen aussagten, hatten hingegen schon bemerkt, dass selbst nachts Licht im Keller brannte. Ebenso wunderte sich der Schornsteinfeger, dass er plötzlich nicht mehr in alle Kellerräume des Hauses durfte. Auch der Mitarbeiter der Stadtwerke berichtete vor Gericht, dass der Stromzähler „fachmännisch“ manipuliert worden war („Da hatte jemand Ahnung“). Strom im Wert von 100 000 Euro wurden vermutlich ohne zu zählen abgezwackt.

Das, aber letztlich auch die Tatsache, dass es zwischen dem Angeklagten und seinem Chef oder eben auch Vermieter, ein eigenartiges Abkommen über Miet- und Stromzahlungen gab, „ebenso, wie es in Drogenkreisen oft üblich ist“, ließ den Richter zu dem Schluss kommen, „dass sie zwar nicht der Drahtzieher, wohl aber ein Mitwisser sind“.