Nachbarin erstochen - Emmericher muss in Psychiatrie

In diesem Haus spiele sich Familientragödie ab.
In diesem Haus spiele sich Familientragödie ab.
Foto: WAZ FotoPool
Weil er im paranioden Wahn seine Nachbarin erstochen und ihre Mutter verletzt hat, schickte das Landgericht Kleve einen Emmericher in die Psychiatrie.

Emmerich/Kleve.. Eine Familie für immer zerstört, eine andere vermutlich für Jahrzehnte auseinandergerissen: „Wir haben es mit einem Geschehen zu tun, das elf Menschen ins Unglück gestürzt hat“, sagte der Vorsitzende Richter Norbert Scheyda, als er mit dem Urteil der 4. Strafkammer des Landgerichts Kleve den juristischen Schlussstrich unter das tragische Geschehen zog, das sich am 19. November 2014 auf der Nierenberger Straße abspielte.

Mit welcher Tragödie es die Kammer da zu tun hatte, wurde beim Blick auf Irina F. deutlich. Sie, die als Nebenklägerin das Geschehen verfolgte, ist immer noch deutlich beeinträchtigt von der Tat, bei der sie durch einen Stich in den Hals lebensgefährlich verletzt wurde. Ihre Tochter verlor das Leben, während sie schwer verletzt im Flur der Wohnung gelegen hatte. Bei der Urteilsbegründung brach die Frau in Tränen aus und musste von der Zeugenbetreuerin in den Arm genommen werden.

Gutachter: Stimmen sollen ihm befohlen haben, Nachbarn anzugreifen

Das Gericht ordnete an, dass Piotr M. in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird. Die Kammer schloss sich damit der Auffassung des Gutachters Dr. Jack Kreutz an, nach der der 32 Jährige unter einer paranoid-halluzinatorischen Psychose leide. Die Krankheit habe sich darin geäußert, dass ihm Stimmen befohlen hätten, die erwachsenen Mitglieder der Nachbarsfamilie anzugreifen. Scheyda: „Wir konnten keine Streitigkeiten feststellen, die diesen Angriff auch nur halbwegs nachvollziehbar gemacht hätten.“

Dem Urteil wurde ein Tatgeschehen zugrunde gelegt, wie es sich aus den Aussagen des überlebenden Opfers, aus den wirren Einlassungen des Angeklagten unmittelbar nach der Festnahme sowie aus dem Spurenbild am Tatort ergeben hatte.

26 Jahre altes Opfer verblutete innerlich

Demnach drang Piotr M. am Morgen des 19. November 2014 über eine eingeschlagene Balkontür in die Wohnung seiner Nachbarn ein, attackierte zunächst Irina F. mit einer Wodkaflasche, ließ dann von seinem schwer verletzten Opfer ab, ging in die Küche, entnahm einem Messerblock ein Küchenmesser, lief damit in das elterliche Schlafzimmer und erstach Olga O.

„Der Tod trat schnell ein, durch äußeres und inneres Verbluten sowie durch eine Luftembolie“, so das Gericht. Danach stach er mit dem Messer noch in den Hals seines ersten Opfers, ergriff mit einem Fahrrad die Flucht und suchte sein drittes Opfer auf, einen Bekannten, der im Schlaf überrascht wurde und den Angriff schwer verletzt überlebte.

Rein rechtlich handele sich bei den Vorfällen um vollendeten und versuchten Totschlag sowie um gefährliche Körperverletzung, so die Kammer. Scheyda: „Der Täter handelte nicht schuldhaft, denn er stand unter dem Einfluss einer paranoid-halluzinatorischen Psychose. Diese Krankheit bestand schon länger.“ Dafür sprächen einige Indizien. Die Möglichkeit, dass der Beschuldigte die Symptome nur simuliert, wurde ausgeschlossen. Scheyda bezog sich ausdrücklich auf den Gutachter, der berichtet hatte, dass M. ihm gegenüber das Horrorgeschehen mit einem Lächeln geschildert habe – diese Diskrepanz sei typisch für Schizophrene, Simulanten verhielten sich anders.

Beschuldigter stelle eine Gefahr für die Allgemeinheit dar

Nach Auffassung des Gerichts bedarf der Beschuldigte dringendst der Behandlung, die nur im Rahmen einer Maßregel (also in der geschlossenen Psychiatrie) stattfinden kann und sich über Jahre erstrecken wird, besonders wegen der hohen Rückfallwahrscheinlichkeit. Scheyda: „Die Ergebnisse der Prognose-Manuale deuten darauf hin, dass von dem Beschuldigten eine erhebliche Gefahr ausgeht, wenn er unbehandelt bleibt.“

Die juristische Aufarbeitung der Tat ist damit abgeschlossen. Das Gericht selbst wies darauf hin, dass die menschliche Seite davon unberührt bleibt. „Wir als Kammer können dazu nicht viel sagen“, so der Richter. Durch den Tod von Olga O. sei einer Familie Ehefrau, Mutter und Tochter geraubt worden – zurück blieben der Witwer, zwei Kinder und die Mutter des Opfers, Irina F. Auch die Ehefrau des Täters stehe mit ihren sechs Kindern nunmehr alleine da: „Alle Beteiligten werden sich ein Leben lang mit diesen Umständen auseinandersetzen müssen. Wir können nur hoffen, dass dies gelingt.“

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