Mutter aus Emmerich bricht in Tränen aus

Die Tragödie ereignete sich im November 2014 an der Nierenberger Straße in Emmerich.
Die Tragödie ereignete sich im November 2014 an der Nierenberger Straße in Emmerich.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Fortsetzung im Prozess gegen den 32-Jährigen Messerstecher, der in Emmerich seine Nachbarin tötete. Zeugen sagten am Freitag aus.

Emmerich/Kleve..  Die Zeugin hat ihre Aussage gemacht, sie könnte gehen. „Darf ich noch bleiben?“, fragt sie den Vorsitzenden Richter der 4. Strafkammer des Klever Landgerichts Norbert Scheyda. „Wenn Sie sich das antun wollen“, sagt dieser und in seiner Stimme schwingt Bedenken mit. Noch bevor die Zeugin aufstehen kann, wird sie von einem Weinkrampf geschüttelt. „Mein Enkel ist jetzt vier Jahre und sieben Monate“, sagt sie. „Wie soll ich ihm erklären, wo seine Mutter ist?“, bricht es unter Weinen aus ihr heraus. „Sie war doch meine einzige Tochter“, sagt sie noch, bevor Zeugenbetreuerin Cornelia Zander die 46-Jahrige hinausführt.

Der Prozess, der am Freitag in der Klever Schwanenburg in den zweiten Verhandlungstag ging, ist ein Sicherungsverfahren. Es geht darum, den 32-jährigen Angeklagten aus Emmerich in der Psychiatrie unterzubringen. Vorgeworfen werden ihm Totschlag, versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie eine weitere Körperverletzung, begangen jeweils im Zustand der Schuldunfähigkeit. Am Freitag hörte das Gericht zwei Opfer, zunächst die Mutter der am 19. November 2014 an der Nierenberger Straße getöteten jungen Frau.

Ohne Behandlung wäre sie tot

Am Tattag wacht die 46-Jahrige um 6.15 Uhr von einem Geräusch auf. „Ich hatte Glas splittern gehört“, erklärt sie und habe ins Wohnzimmer gehen wollen. „Da stand er im Flur“, schildert sie. Er, das ist der nun Angeklagte, zum Tatzeitpunkt ihr Nachbar, der in der Wohnung über der Familie wohnt. „Was willst Du?“, habe sie ihn gefragt. „Aber er hat nicht geantwortet, hat mich nur mit schrecklichen Augen angesehen.“ Sie fühlt wie sie am Kopf hart getroffen wird. Sie wird kurzzeitig bewusstlos, als sie wieder aufwacht, hat der mutmaßliche Täter ein Messer aus der Küche geholt und sticht ihr in den Hals. Sie sieht den Mann noch im Elternschlafzimmer verschwinden, die Tür hinter sich schließen. Dort befindet sich zu der Zeit ihre Tochter. Dann verliert sie wieder das Bewusstsein. „Ich habe nur gedacht, ich muss Hilfe holen“, sagt sie. Später kriecht sie zur Tür, durch den Hausflur, kann bei Nachbarn klopfen. Irgendwann hat sie ihren Enkel rufen hören: „Oma, Du musst Mama helfen, Mama ist kaputt!“

Vielleicht ist die Tochter da schon tot. Zehn Messerstiche hat der 32-Jährige ihr zugefügt. Eine Vene wird durchtrennt, die junge Frau stirbt an Blutverlust und Ansammlung vom Luft im Herzen.

Auch ihre Mutter ist schwerst verletzt. „Wäre sie nicht behandelt worden, die Verletzungen hätten mit absoluter Sicherheit zum Tode geführt“, sagt Gutachter Dr. Lars Althaus. Offenbar hat der Angreifer ihr mit einer abgeschlagenen Flasche ins Gesicht geschlagen. Der spätere Messerstich hat eine Vene fast vollständig durchtrennt. Zwar kann die Frau inzwischen ihre linke Hand wieder bewegen, nicht aber den Arm heben. Die Nervenstränge sind durchtrennt. Ihre Arbeit als Reinigungskraft hat sie aufgeben müssen, sie war lange in psychiatrischer Behandlung, vier Monate ohne Stimme. Noch immer nimmt sie Antidepressiva.

Das Gericht hörte auch das weitere Opfer, einen 24-jährigen Mann, der sich mit dem Angeklagten ab und zu traf, nachdem sie sich vor zweieinhalb Jahren bei der Arbeit in einer Steinfabrik kennengelernt hatten. Er war vom Angeklagten mit einem Glaskrug traktiert worden, nachdem dieser sich gewaltsam Zugang zur Wohnung verschafft hatte. Auch der junge Mann war schwer verletzt worden. Drei Zähne büßte er u.a. ein, hatte Mehrfachfrakturen an Daumen und einem Finger und Kopfwunden. „Potenziell lebensbedrohlich“, wertete der Gutachter diese. Der Prozess wird am 13. Juli um 9.30 Uhr im Saal A 105 fortgesetzt.