Mit 70 Jahren noch arbeiten – Diks rechnet mit Diskussion

Arbeiten im Alter – ist für Seniorenbeiratschefin Leonie Pawlak kein großes Problem.
Arbeiten im Alter – ist für Seniorenbeiratschefin Leonie Pawlak kein großes Problem.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Auch in Emmerich wird das Thema „Rente erst mit 70 Jahren“ kontrovers bewertet. Bürgermeister Johannes Diks schätzt ein, dass der Vorschlag mittelfristig ernsthaft diskutiert werden wird.

Emmerich..  Eines haben sie gemeinsam, Emmerichs Niederrhein-Maler Hein Driessen und der Berliner Schauspieler Dieter Hallervorden, der Emmericher Internist Raoof Khaffaf und die Lübecker Tanzlehrerinn Irene Olk-Bandow. Sie alle dürften nur müde gelächelt haben, als Franz-Jürgen Weise neulich seinen Vorschlag zum gesellschaftlichen Dauerthema Rente in die Debatte warf. Über eine flexible Entlohnung nebst Einstiegsalter müsse man für Arbeitsaussteiger nachdenken. Menschen sollten auch bis zum Alter von 70 Jahren berufstätig sein (dürfen), um mehr Rente zu bekommen. So hatte es der Chef der Berliner Bundesagentur für Arbeit jüngst grob angeregt.

Schließlich läge die Geburtenrate aktuell nur knapp oberhalb des Sparzins-Niveaus. Deutschland ist das Land mit der statistisch zweitältesten Einwohnerschar – hinter Japan. Emmerich und Umgebung machen da keine Ausnahme. Gut, freischaffende Geister wie der 82-jährige Driessen an der Rheinpromenade im Atelier oder der 79-jährige Kabarettist Hallervorden im Schlosspark-Theater zu Steglitz-Zehlendorf fassten ihren Job stets als Berufung auf. Und setzen sich über Altersschranken hinweg.

Tanzlehrerin mit 92 Jahren

Die bewegliche 92-jährige Tanzlehrerin Olk-Bandow in der Hansestadt Lübeck oder der 68-jährige Emmericher Mediziner und Kleiderspenden-Sammler Khaffaf in der Praxis an der Mennonitenstraße arbeiten aus purer Freude an der Tat. Die zielt stets darauf ab, anderen Menschen zu helfen. Segelschiffe in Flaschen stopfen oder das Gartengras mit der Nagelschere bearbeiten, wie „Didi“ Hallervorden mal in einem Interview hervorhob, seien auf Dauer langweilig.

Die Meinungen über Weises Rente-mit-70-Anregung gehen in Emmerich durchaus auseinander. Einige NRZ-Facebook-Leser und -Schreiber wittern im Vorschlag eine verkappte Rentensparplanung. Und die Horrorvorstellung vom Arbeiten bis zum Umfallen.

Also umgehend den Gedanken in der Ablage rund versenken? „Mittelfristig werden wir die angestoßene Diskussion führen müssen, weil die Deutschen weniger werden“, hebt Johannes Diks hervor. Der oberste Bürger der Stadt hält die immense Erfahrung der Generation „60 Jahre plus X“ in Betrieben und Büros für überaus wertvoll: „Es wird eine große Aufgabe der Bundespolitik sein, flexiblere Rentenmodelle zu finden. Branchen müssen hier aber unterschiedlich bewertet werden.“ Dazu kommt, so Diks, dass der heute 65-Jährige ein anderer sei als jener in der Altersgruppe vor zwanzig Jahren. Meist gesünder, mobiler, unternehmungslustiger.

Körperliche Arbeit

Dem stimmt in der Diskussion auch Leonie Pawlak zu, die Vorsitzende des Seniorenbeirates der Stadt. „Meine Großeltern haben sehr viel körperlicher arbeiten müssen, haben zwei Weltkriege mitgemacht, waren deshalb mit 65 auf und alle. Medizin, Technik und die heutige moderne Denke rechtfertigen schon, dass Menschen auch mit 70 noch arbeiten können – wenn sie denn wollen.“

Die ehemalige Gymnasiallehrerin will das aber nicht verallgemeinert wissen. „Es kommt auf die Berufssparte, die Motivation und die Gesundheit an.“ Es ginge auch nicht nur darum, dass körperlich anstrengende Berufe kaum weit über die 60-Jahre-Grenze hinaus bewältigt werden können. „Auch Stressfaktoren spielen im Alter eine Rolle. Alles im Leben scheint schneller zu werden. Das macht älteren Menschen im Beruf und auch außerhalb zu schaffen.“

Für Stadt-Pressesprecher Herbert Kleipaß kommt die Diskussion zwar zu spät. Der 65-Jährige, der im Sommer in den Ruhestand geht und sich dann „nur“ noch um das, nein, „sein“ Heimatmuseum kümmert, hat trotzdem eine Meinung: „Man kann auch noch mit 75 Jahren arbeiten – wenn es einem Spaß macht.“ Pastöre, Ärzte oder auch Rechtsanwälte seien doch gute Beispiele. Und: „Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Der endet nicht in hohem Alter.“

Übrigens:

Der Vorschlag zur Rente mit 70 Jahren muss längst nicht das Ende der Fahnenstange sein. Schließlich steigt die Lebenserwartung Neugeborener stetig an. Die meisten Kinder, die im Jahr 2000 geboren worden sind, könnten beispielsweise, so eine statistische Erhebung, die 100-Jahre-Marke erreichen.


In Skandinavien ist derzeit eine simple Rentenformel in der Diskussion: Statistische Lebenserwartung minus 17 Jahre gleich Renteneintrittsalter. Was für das Jahr 2013 ziemlich günstig gewesen wäre: Laut Statistischem Bundesamt lebten Frauen 81,4 Jahre, die Männer 74,5 Jahre.


Es wird aber dauern, bis man die Lebenserwartung der Grönland-Wale erreicht. Die 18 Meter langen Meeresriesen, die weder Krebs bekommen, noch natürliche Feinde haben, schaffen zwei volle Jahrhunderte.