Invasion der Englänger im elterlichen Kellergeschoss

Josef Hiepass-Aryus erinnert sich noch gut an die Rheinquerung der Alliierten vor 70 Jahren.
Josef Hiepass-Aryus erinnert sich noch gut an die Rheinquerung der Alliierten vor 70 Jahren.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Vor 70 jahren querten die Briten den Rhein bei Rees. Und sorgten so für das Kriegsende. Josef Hiepass-Aryus erinnert sich an den 23. und 24. März 1945.

Esserden..  Josef Hiepass-Aryus hatte sich am vergangenen Sonntag das Militärspektakel am Rhein aus der Ferne angesehen und zahlreiche Fahrzeuge wiedererkannt. Als diese nämlich vor 70 Jahren den Rhein bei bestem Frühlingswetter querten, erlebte der heute 83-Jährige die Invasion der Engländer im Keller des elterlichen Hofs am Spyckweg.

So wie sich heute Jungs für Sportwagen interessieren, so galt die Aufmerksamkeit der Kriegsgeneration Jeeps und Panzern. „Wir konnten sogar am Motorengeräusch ausmachen, ob es sich um ein Fahrzeug der Deutschen oder der Alliierten handelte“, erinnert sich Josef Hiepass-Aryus. Die durch die Militärparade auf der Wardstraße wieder in Erinnerung gerufenen Ereignisse hat der Esserdener Landwirt zum Anlass genommen, die Begebenheiten vom 23. und 24. März niederzuschreiben. Wohlwissend, dass von seinen Nachbarn, die die Rheinquerung mit anschließender Kapitulation erlebt haben, niemand mehr davon berichten kann.

„Am 23. März wollte unsere Mutter gegen 15 Uhr noch nach Esserden ins Dorf zu ihren Eltern gehen. Das hatten ihr die Offiziere, die bei uns einquartiert waren, aber strengstens verboten. ,Heute liegt was in der Luft’, hatte ihr ein Offizier eingeschärft.“ An diesem Tag wurde linksrheinisch bereits für die Zivilisten eine Ausgangssperre verhängt.

Vater Heinrich Aryus, der im 1. Weltkrieg allerlei Erfahrungen gesammelt hatte und ein couragierter Mann war, hatte wichtige Vorbereitungen getroffen und die Fenster des großen Gewölbekellers von außen verschanzt. „Zwischen 16 und 17 Uhr hörten wir dann ein starkes Trommelfeuer, das sich vom linksrheinischen Ufer näherte und bis gegen 22 Uhr andauerte“, erzählt Josef Hiepass-Aryus.

Im letzten Moment schleuste sein Vater noch etwa 25 Soldaten, die auf dem Hof der Familie einquartiert waren, durch einen Hinterausgang im Schutz der Hofgebäude hinaus. Sie flüchteten durch eine Hecke in Richtung Deich.

Unbemerkt zum Hof vorgedrungen

„Als das Trommelfeuer immer näher in Richtung B8 vordrang, wollten zwei Soldaten, die noch bei uns waren, in ihrer, zur Rheinseite hin gelegenen Stellung Posten beziehen. Sie wurden beide sofort erschossen, da englische Soldaten schon deren Stellung besetzt hatten.“ Die Briten waren nämlich unter dem Trommelfeuer unbemerkt bis zum Hof vorgedrungenen.

Mit etwa 42 Personen verharrte Familie Aryus mit Verwandten, Nachbarn und einigen Reesern während des Artilleriebeschusses im Gewölbekeller. „Während des Abrückens unserer deutschen Landsers wurden vier von ihnen schwer verwundet und zurück zu uns in den Keller gebracht. Ein Sanitäter musste sie betreuen.“

Gegen 4 Uhr morgens am 24. März kam ein englischer Soldat in den Keller, um nachzusehen, ob noch kampffähige Soldaten dort waren. „Zwischen 6 und 7 Uhr wurden die Verwundeten aus unserem Keller von englischen Sanitätern und Soldaten abgeholt und ihnen Uhren und Ringe abgenommen. Da mein Vater das gesehen hatte, haben wir alle Uhren und Ringe in einer Kaffeekanne versteckt. Zwischen 7 und 8 Uhr morgens habe ich mich zum ersten Mal aus dem Keller getraut und sah in Richtung Rees, zwischen Banndeich und Rhein. Alles war schwarz vor Fahrzeugen. Über Nacht waren Hunderte von Lkw, kleinen Panzern, Jeeps und Amphibienfahrzeuge über den Rhein gekommen. Die Alliierten hatten am Morgen, nachdem der Beschuss von Rees aus nachgelassen hatte, begonnen, eine Brücke zu bauen. Wir waren überrascht, wie gut die Soldaten ausgerüstet waren.“

In den folgenden Tagen schickten die Engländer sehr viele Leute zum Hof, sie kamen aus Esserden, Rees, Bienen und Millingen. Zirka 400, davon 100 Ausländer, waren dabei. Auch ehemalige Gefangene aus Polen, Russland und Italien. „Unser Vater hatte nämlich sehr viele Kartoffeln eingekellert. Also mussten die Frauen Tag und Nacht für alle Kartoffelsuppe kochen.“

Josef Hiepass-Aryus kann sich noch gut daran erinnern, dass beim Versuch der Alliierten, über den Rhein zu kommen, ein Panzer komplett im Ufermorast versunken war. Er musste später unter Wasser auseinandergeschweißt werden.

Schrott aus Köln

Dass die 51. Division überhaupt an Land gehen konnte, hatte damit zu tun, dass in Höhe der heutigen Rheinbrücke jede Menge Schrott aus dem zerstörten Köln auf Schiffen transportiert und hier ausgekippt worden war. Dadurch war der Untergrund stabil.

Nach der Rheinquerung waren die Wiesen komplett zerschossen, große Trichter reihten sich aneinander. Die Engländer, immer noch die deutsche Abwehr fürchtend, hatten sich in den Gräben verschanzt. „Sie haben unsere Türen mitgenommen, um damit die Erdlöcher abzudecken“, so Aryus.

Alles war niedergebrannt

Rings um den Hof waren die Häuser, auch hinter dem Deich, niedergebrannt. „Bei uns waren die Dächer zerstört, zwei Giebel zerschossen, aber es hat nicht gebrannt.“ Die Besatzer hatten Unmengen an Munition liegengelassen, manchmal komplette Fahrzeuge. „Wir haben später die Hülsen aufgesammelt, die aus Messing waren, und haben drei Mark pro Stück dafür erhalten.“

Übrigens wurden die Fahrzeuge der Bauern von den Besatzern konfisziert. „Unseren alten Opel haben sie im Schwimmpanzer mitgenommen, ebenso Reifen und Batterien.“ Dafür durften die Jungs später auf den Jeeps der Briten mitfahren. Wenn auch das Osterfest in jenem Jahr ausfiel, war eine Zukunft in Frieden eingeläutet.