Inszenierte Hof-Berichterstattung

Empel..  Zwei Nächte später ist es soweit, das Kalenderblatt zeigt den 11. März 1945. „Die Stute rammte sich das Maul in die Seite, sie war unruhig, tänzelte auf der Stelle, zog das Hinterbein bis zur Bauchdecke und schlug kraftvoll aus.“ Schauspielerin Karin Kettling holt mit dem rechten Arm Schwung, lässt ein Holz polternd auf den Dielenboden krachen. Ein Zucken und erschrecktes Murmeln geht durch die Reihen ihrer Zuhörer. Einer wischt vor Schreck sogar sein Glas von der Fensterbank. Lesung im Theweshof in Empel, dem Hof, auf dem die drei Protagonistinnen des Romans „Wir sind doch Schwestern“ von Bestsellerautorin Anne Gesthuysen aufgewachsen sind.

Der Lesung im Rahmen des Projekts „In der Ebene – Kunst und Literatur auf Höfen und in Kunstvereinen am Niederrhein“ ist ein Plauder(-Halbes-)stündchen unter den beiden mächtigen Linden vor dem Bauernhof vorausgegangen. Dann bittet Carla Gottwein, Ideengeberin des Projekts, die Gäste, vorwiegend Frauen, in die gute Stube von Beatrix und Norbert Opgen-Rhein, die heute den Hof am Burgweg bewirtschaften. „Karin Kettling wird nicht nur lesen, sondern die Geschichte auch inszenieren“, macht die Reeserin neugierig.

Was folgt ist eine Lesung, bei der Karin Kettling jeder Person eine eigene Stimme verleiht, mal schlägt sie die zittrige, aber immer noch resolute Stimme der hundertjährigen Gertrud Franken an, mal die gealterte, aber stets kecke ihrer Schwester Katty, mal die des geübten Redners und durchsetzungsfähigen CDU-Politikers Heinrich Hegmann. Nicht nur mit den Stimmen, auch mit Gesten und Tönen, letztere dem Harmonium, der Triangel oder Alltagsgegenständen entlockt, beschwört sie die Stimmungen im Roman herauf. Es wird ein kurzweiliger Abend, bei dem es Karin Kettling gelingt, die Handlung im Buch in fünf Viertelstunden so nachzuzeichnen, dass die Zuhörer den Eindruck haben, die gesamte Handlung zu kennen. Was natürlich aufgrund der Kürze der Lesung nicht stimmen kann. Die Schauspielerin, die jede neue Passage mit der Nennung des historischen Datums beginnt, bringt nicht nur mimisch und lesend den Inhalt des Buchs in Ohr und Hirn des Publikums, sie schlägt auch eine Brücke zum Hier und Heute. „1945 gaben die Kühe, wie im Buch beschrieben, zehn Liter Milch. Wieviele sind es denn heute, am 17. Juni 2015, Frau Opgen-Rhein?“, fragt sie die Landwirtin, die in einer hinteren Reihe sitzt. „Derzeit, im Juni, 27, sonst auch mal 24 Liter“, antwortet sie. Dann nimmt Karin Kettling die Hörer wieder mit auf den Theweshof oder den Tellemannof in Xanten-Wardt. „Lesend“ finden sich die Hörer an Ostermontag 1915 in Wardt wieder. Dort tischen die Angestellten Rosinenbrot mit Kraut bei der Niederrheinischen Kaffeetafel auf. Was auch jetzt bei der Lesung tablettweise durch die Reihen geht..

Zum Schluss gibt es herzlichen Applaus für die Schauspielerin. „Ich“, klagt sie, „hätte noch so gerne mit Ihnen Röschen gebastelt, wie man das hier zur Hochzeit macht und mehr erzählt – von Paula Franken zum Beispiel.