Gutachter: Tatverdächtiger aus Emmerich leidet an Psychosen

Der Tatort an der Nierenberger Straße in Emmerich. Die Familientragödie wird vor dem Landgericht Kleve verhandelt.
Der Tatort an der Nierenberger Straße in Emmerich. Die Familientragödie wird vor dem Landgericht Kleve verhandelt.
Foto: WAZ FotoPool
Die Blutorgie in Emmerich Ende 2014 wird vor dem Landgericht in Kleve verhandelt. Der Gutachter attestiert dem Angeklagten massive Psychosen.

Emmerich/Kleve.. Piotr M. hatte tags zuvor seine Nachbarin vor den Augen ihrer Kinder erstochen, deren Mutter lebensgefährlich verletzt und einen Bekannten mit einem Bierkrug attackiert. In der ersten Vernehmung sagte er ganz ruhig, er habe Amphetamin geschnupft und danach Stimmen gehört, dass er als Weltretter auserwählt sei und in den Kampf ziehen müsse. Am dritten Verhandlungstag im Prozess gegen den 32 Jahre alten Emmericher war es Gutachter Dr. Jack Kreutz vorbehalten, der 4. Strafkammer des Landgerichts Kleve zu erläutern, ob Drogen das grausige Geschehen ausgelöst haben.

Zuvor hatten die beiden Kriminalbeamten, die M. als erstes vernommen hatten, als Zeugen ausgesagt. Einer der Polizisten berichtete, dass der Täter den Tränen nahe gewesen sei und sich nach dem Befinden seiner Familie (und nur danach) erkundigt habe. Der zweite Beamte erzählte, dass er die Tat ruhig und detailreich geschildert habe. Es habe keine Zeugen geben dürfen; warum, blieb offen. Den Vater hätte er auch getötet, wenn er zuhause gewesen wäre – er hatte am Tattag die Wohnung an der Nierenberger Straße schon verlassen, um zur Arbeit zu gehen.

Täter weist Wahnsysteme auf

Dr. Kreutz beschäftigte sich eingehend mit dem Wahnsystem des Täters. In Gesprächen mit dem Psychiater offenbarte Piotr M., dass er auserwählt sei, die Menschheit zu retten. Falls er sich dem verweigere, verwandele sich das Rote Meer in ein Blutmeer. Zum Psychiater: „Die Befehle der Engel waren ganz eindeutig.“ Zur Tat sagte er, dass die beiden Frauen Dämonen gewesen seien, er habe die Kinder schützen müssen. Erst als die Kinder geschrien hätten, sei er „wach“ geworden, habe dann aber den nächsten Befehl erhalten, so dass er vom Tatort flüchtete und den Bekannten, dem er ein Verhältnis mit seiner Frau unterstellte, im Schlaf angriff und schwer verletzte.

War alles die Folge eines ausgeuferten Drogenkonsums? Kreutz verneinte das. Vielmehr ist der Gewaltorgie wohl eine längere Krankengeschichte vorangegangen. So sei er aus psychischen Gründen bei der polnischen Armee ausgemustert worden, und es gab einen Suizidversuch. Auch die Arbeitslosigkeit passe ins Bild: „Ein Leistungsknick ist typisch für Menschen mit psychotischen Symptomen“, so Kreutz: „Es spricht einiges dafür, dass die Krankheit nicht erst am Tattag begann“. Allenfalls könne der Drogenkonsum das vorhandene Krankheitsgeschehen „gesteigert“, also ausgelöst haben.

Massive Psychose - für die Tat nicht verantwortbar

Kreutz kam zu der Erkenntnis, dass M. an einer massiven Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis leide und für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden könne. „Seine Einsichtsfähigkeit war aufgrund der psychotischen Störung eigentlich vollständig aufgehoben.“ Kreutz attestierte ein hohes Rückfall-Risiko.

Vor diesem Hintergrund plädierten Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidigung übereinstimmend für die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Staatsanwalt Kalb sprach von einer Tragödie für die Familie der Getöteten.

Rechtsanwalt Dr. Haas als Nebenklägervertreter nach der Verhandlung: „Eine Unterbringung nach § 63 StGB dauert meistens länger als Lebenslänglich. Bei Lebenslänglich kommt man oft schon nach 15 bis 18 Jahren raus, bei der Unterbringung nicht.“

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